Wunschkaiserschnitt – Interview über die Akzeptanz einer selbstbestimmten Geburtsform

Jede Geburt ist einzigartig. Keine Geburt gleicht der anderen. Auch Kaiserschnitte können völlig unterschiedlich empfunden werden – ob geplant oder ungeplant – aber auch ihnen wohnt der Zauber vom Anfang eines neuen Lebens inne. Ein Wunschkaiserschnitt (WKS) ist in unserer Gesellschaft noch wenig anerkannt. Frauen, die sich für einen solchen entscheiden, müssen sich auf deutliche Kritik gefasst machen. Ich habe Nancy Bujara von wunschkaiserschnitt.net  befragt und sie gibt in diesem Artikel Antworten über die Gründe eines WKS, das Erleben und die aktuellen Entwicklungen der Geburtshilfe.

 

Wie viele Frauen entscheiden sich heute für einen WKS?

Geht man bei der Definition streng nach den Leitlinien der DGGG e.V. (Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe e.V.) sind Wunschkaiserschnitte nur jene, zu denen sich eine Frau entschließt, weil sie auf ein bestimmtes Datum hofft oder weil sie nur auf diesem Wege die Anwesenheit des Partners unter der Geburt planen kann. Gründe, wie beispielsweise Ängste oder das Vermeiden von Geburtsverletzungen bei sich und dem Kind, werden als relative Indikationen angesehen und zählen damit zu den sogenannten primär geplanten Kaiserschnitten mit medizinischer Indikation. Gewünschte Kaiserschnitte werden mit etwa 2-5% angegeben, dem würde ich so zustimmen, allerdings schätze ich die Zahl der Frauen, die nach Definition einen reinen Wunschkaiserschnitt planen als verschwindend gering ein.

In den letzten 8 Jahren ist mir persönlich keine Frau begegnet, der es nur allein um ein Datum oder die Anwesenheit des Partners ging. Die schwammige Definitionslage in der Gesellschaft lässt die Höhe gewünschter Kaiserschnitte höher erscheinen, als es in der Realität tatsächlich ist. Die Mehrheit der Kaiserschnitte machen nach wie vor die aufgrund einer Indikation durchgeführten primären und insbesondere sekundären Kaiserschnitte aus. Nicht jede medizinische Indikation ist gesellschaftlich anerkannt, dies ändert aber nichts an ihrer Zuordnung.

 

Welche Gründe gibt es, dass Frauen sich für einen WKS entscheiden?

Vereinfacht gesehen gibt es so viele Gründe für einen Wunschkaiserschnitt, wie es Frauen gibt, die sich für diesen Weg entscheiden, da die Gründe oft ein Mix aus vielen kleinen und großen Gründen sind, die sich zu einem Entscheid bündeln. Die medial gepushten Gründe wie Angst vor den Wehen, Bequemlichkeit und purer Egoismus geben aber nicht einmal ansatzweise das eigentliche Bild von Frauen mit diesem Wunsch wider. Die Gründe für diesen Entscheid liegen oft tief verwurzelt in den Lebensgeschichten der Frauen.

Oft spielen verschiedene Traumata, spezifische Erfahrungen, beruflich, wie private sowie von der Schwangerschaft unabhängige Erkrankungen eine übergeordnete Rolle. Viele Frauen, die sich für einen Kaiserschnitt entscheiden, haben bereits eine oder mehrere Geburten hinter sich, manche von ihnen sind traumatisiert, andere entscheiden sich ganz bewusst ob der vorangegangenen Erfahrungen zu einem Kaiserschnitt, wieder andere haben mehrere natürliche Geburten hinter sich und wünschen nun eine Sterilisation. Diese direkt mit der Geburt zu verbinden, ist nicht nur kostengünstiger, sondern es reduziert gleichzeitig auch die möglichen Eingriffe und die damit einhergehenden Belastungen für den weiblichen Körper. Erstgebärende tragen in ihren Gründen oft Spuren aus ihrer Vergangenheit.

Die häufigsten Gründe für einen gewünschten Kaiserschnitt:

  • Furcht vor Spätschäden wie Senkung, Inkontinenz und Sexualstörungen
  • Beckenendlage, obwohl eine Spontangeburt möglich wäre
  • Angst um die Sicherheit des Kindes (perinatale Schädigungen)
  • vorangegangenes Erleben einer Fehl- und Totgeburt
  • eine vorangegangene, sehr traumatisch erlebte Geburt
  • Angst vor einem Autonomieverlust im Kreißsaal / zu geringes Vertrauen in das medizinische Personal unter dem Aspekt eines nicht vorhersehbaren Geburtsverlaufs
  • Fehlende Identifikation mit dem natürlichen Geburtsvorgang
  • überdurchschnittlich stark ausgeprägte Angst vor dem Wehenschmerz und Geburtsverletzungen
  • erlebte Gewalt wie körperliche und seelische Misshandlungen oder Missbrauch
  • Krankheiten, die den Verlauf einer Geburt negativ beeinflussen könnten, wie z.B.: Asthma, Rheuma, starke Sehstörungen oder psychische Erkrankungen
  • lange Kinderlosigkeit und die damit einhergehende stärkere Angst um das oft hart erkämpfte Wunschkind
  • schmaler Körperbau und ein zu enges Becken
  • der Entbindungstermin ist längst vorüber und es setzen keine Wehen ein / erfolgloses Einleiten über Tage hinweg
  • gewünschte Sterilisation



 

Eine Frau, die sich für einen Wunschkaiserschnitt entscheidet, wird in unserer Gesellschaft schnell verurteilt? Zu Unrecht. Warum?

Vorschnelle Verurteilungen sind grundsätzlich zu verachten, aber insbesondere Schwangere und Mütter befinden sich in einer sehr empfindsamen Lebensphase, in welcher sie Anfeindungen und Vorverurteilungen besonders sensibel auffassen. Rücksicht genommen wird kaum. Im Gegenteil. Durch das Internet und die damit verbundenen sozialen Medien ist es ein Leichtes geworden, seine Verurteilungen schnell aber vor allem verbal höchst primitiv in Sekundenschnelle weiterzugeben ohne die direkte, persönliche Reaktion des Angesprochenen ertragen, aushalten oder reflektieren zu müssen.

Viele Sätze und Aussagen würden in einem persönlichen Gespräch so sicher nicht fallen. Die Gründe hinter diesen Verurteilungen sehe ich aber als sehr komplex an, eine einfache Antwort habe ich darauf bisher nicht finden können.

Wurzeln im Patriarchat

Wirklich tief gegraben würde ich die Wurzel im immer noch sehr verblasst vorhandenen Patriarchat suchen – die Frauen sind es gewohnt gewisse Rollen zu erfüllen und über sich bestimmen zu lassen. Dieses Muster abzulegen, braucht Zeit. Dabei ist die Rolle der Mutter essentiell. Sie ist nach wie vor eine der stärksten weiblichen Rollen, eng verbunden mit den natürlichen Vorgängen, die damit einhergehen. Es ist Teil unserer weiblichen Ur-Rolle als Frau und Mutter. Das macht die Geburt zu einem der größten und stärksten Parts im Leben einer Frau.

Einen Wunschkaiserschnitt zu akzeptieren, setzt voraus, die Position der natürlichen Geburt um einen unnatürlichen Aspekt zu erweitern.

Die Frauen, die einen Wunschkaiserschnitt so vehement ablehnen, können sich oft besonders stark mit dieser Rolle identifizieren und empfinden daher meiner Meinung nach den unnatürlichen Weg eines Kaiserschnittes als Verrat an der eigenen Rolle als Frau und Mutter. Einen so unnatürlichen Vorgang zu akzeptieren, käme einem Verrat an der eigenen Erfüllung dieser Rolle gleich. Einen Wunschkaiserschnitt zu akzeptieren, setzt voraus, die Position der natürlichen Geburt um einen unnatürlichen Aspekt zu erweitern. Wer das für sich ausschließt, ist im Prinzip nahezu unfähig den gewünschten Kaiserschnitt als gegeben hinzunehmen. Die eigene persönliche Definition über ein so großes und durchweg positiv anerkanntes natürliches Rollenerfüllen treibt sicher sehr viele in diese Negativhaltung.

Untermauert wird das Ganze mit entsprechenden Argumentationen zu den Vor- und Nachteilen für Mutter und Kind bei den verschiedenen Geburtsformen. Aber auch die Rolle der Selbstbestimmung kommt hier zum Tragen. Für viele Frauen ist der Entscheid über den Geburtsverlauf kein Teil der eigenen Selbstbestimmung. Auch das sehe ich als Nachwehe des Patriarchats an. Erschwerend kommen die gesellschaftlichen Erwartungen an eine Mutter hinzu. Opfer zu bringen wird bedingungslos vorausgesetzt. Wer nicht bereit ist, bestimmte auferlegte Opfer zu bringen, wird gesellschaftlich geächtet.

Verurteilung in den sozialen Medien

Natürlich wird in den Kommentarspalten von Foren und sozialen Medien weniger komplex kommuniziert, aber zwischen Aussagen wie „Eine natürliche Geburt gehört nun mal dazu.“, „Frauen sind dafür gemacht, Kinder so zu bekommen.“ und „Frauen haben schon immer so entbunden.“ liest sich sehr viel verklärtes Rollenverständnis der Frau von heute. In keiner dieser Aussagen ist die Frau das Zentrum, weder sie als Individuum, noch ihre Ängste oder Bedürfnisse, sie ist der bloße Wirt ihres Kindes und sie hat einen klar skizzierten Auftrag zu erfüllen. Ist sie dazu nicht bereit oder stellt sie sich mit ihrem Kind gar auf eine gleich hohe Ebene, ist die Verurteilung nur noch Formsache.

Die primär patriarchalisch gestaltete Geburtsmedizin tut dann ihr Übriges und fällt den Müttern oft eher noch in den Rücken, als dass es sie auffängt. Die Thematik ein Stück individueller betrachtet, spielt bei manchen Frauen, die sich sehr negativ über den Wunschkaiserschnitt äußern, aber sicher auch das eigene Geburtserleben ihrer Kinder eine Rolle, insbesondere bezogen auf Frauen mit einem Notkaiserschnitt und einem starken Wunsch spontan zu entbinden. Viele der Frauen sind traumatisiert und für sie erscheint ein freiwilliges Vorziehen eines Eingriffes, den sie selbst als persönliche Hölle definieren, als absolut das Letzte, wofür sie bereit sein können, Verständnis aufzubringen. Ich kann das sehr gut nachvollziehen, es rechtfertigt jedoch nicht unangemessene, Empathie vermissende Aussagen gegenüber ihnen unbekannten Schwangeren und Müttern.

Das System Geburtshilfe müsste sich mehr um die Prävention von Geburtstraumata kümmern und die Frauen da abholen, wo sie fallen und Hilfe brauchen.

Den eigenen Schmerz auf andere zu projizieren, ist weder dienlich für die anderen Mütter noch für sich selbst. Im Grunde wird damit nur erreicht, dass der Schmerz sich vergrößert, weil er weitergegeben wird. Das ist tragisch, denn auch das müsste nicht sein, würde sich das System Geburtshilfe mehr um die Prävention von Geburtstraumata kümmern und die Frauen da abholen, wo sie fallen und Hilfe brauchen. Ein besseres Bild vom Kaiserschnitt im Allgemeinen würde dazu sicher auch beitragen.

 

Wie erleben Mütter eine Geburt, die als Wunschkaiserschnitt geplant ist?

Im Laufe der letzten Jahre, die mich dieses Thema schon durch meine Arbeit trägt, habe ich überwiegend positive Erfahrungsberichte von Frauen mit einem Wunschkaiserschnitt gelesen. Sie verwendeten dabei dieselben Begrifflichkeiten wie Frauen, die natürlich entbunden hatten. Sie sprachen von Freudentränen, unfassbarem Glück und einem gewissen Zauber, der dem Ganzen innewohnte.

Etwas, was ich selbst möchte und gewählt habe, wird grundsätzlich anders erlebt, als etwas, was mir von oben auferlegt wird, das spüren wir alle in unserem Alltag doch immer wieder.

Ein geplanter Kaiserschnitt, bei dem die Mutter den Abend davor stationär aufgenommen wird oder am frühen Morgen die Klinik betritt, ist jedoch kein Vergleich zu einem in Hektik durchgeführten Notkaiserschnitt, bei dem die Mutter in einer Flut aus Hormonen, Ängsten und dem Verlustgefühl über das Geburtsgeschehen zu ertrinken droht. Ein gewünschter geplanter Kaiserschnitt verläuft wesentlich ruhiger, entspannter ab, das Operationsteam hat Zeit sich auf die Frau einzustellen, die Partner dürfen anwesend sein, es wird miteinander gesprochen, gewitzelt. Natürlich nimmt das der operativen Entbindung an sich nicht die Größe, aber das subjektive Erleben ist ein völlig anderes.

 

Welche Nachteile ergeben sich aus einem Wunschkaiserschnitt für Mutter und Kind?

Die klassischen Risiken einer Kaiserschnittentbindung sind hinreichend belegt und bekannt, die Frauen werden in den Vorgesprächen ausführlich über diese aufgeklärt und informiert. Diese Risiken werden von Mutter und Kind getragen, genauso wie sie es bei einer natürlichen Geburt mit ihren Risiken tun würden.

Seeding

Medial werden insbesondere die fehlenden Vaginalbakterien sowie die erhöhten Risikofaktoren für verschiedene Erkrankungen als unmittelbare Nachteile bei einem Kaiserschnitt genannt. Durch das sogenannte Seeding, also das Einreiben des Säuglings mit dem Vaginalsekret der Mutter, erhofft man sich einen Ausgleich dieses Nachteils. Hinreichend auf seine Wirksamkeit erforscht, ist das aber bei Weitem nicht, zumal der menschliche Darm und seine bakterielle Besiedelung heute noch lange nicht bis ins Detail ausgeforscht sind. Aus dieser Perspektive heraus gesehen, ist das Verweisen auf die wichtigen Vaginalbakterien ein so nicht haltbarer Nachteil, der jedoch medial weiterhin gepusht wird.

Erhöhung der Wahrscheinlichkeit für bestimmte Erkrankungen beim Kind

Die hingegen durch Studien belegten Nachteile in Bezug auf die erhöhte Wahrscheinlichkeit an bestimmten Erkrankungen zu erkranken, sind nicht von der Hand zu weisen, allerdings möchte ich hier den Punkt einhaken, dass bei diesen Studien oft genetische Aspekte bei vererbbaren Krankheiten, sowie die Lebensumstände etc. oft gar nicht hinreichend erfasst werden. Prinzipiell ist es so, dass Frauen mit Vorerkrankungen öfter per Kaiserschnitt entbinden, die Zahl kranker Mütter ist also auf der Seite des Kaiserschnittes bereits höher anzusetzen. Ich möchte hier gerne Diabetes als Beispiel heranziehen. Lebt beispielsweise ein Elternteil mit Typ 2 Diabetes, beträgt die Wahrscheinlichkeit, dass der Nachwuchs die Erkrankung entwickelt 50 %. Sind Vater und Mutter betroffen, erhöht sich der Wert auf 80 %. Frauen mit Diabetes entbinden wesentlich häufiger per Kaiserschnitt. Die dadurch erhöhten Werte sind also logisch, aber kein unmittelbarer Nachteil des Kaiserschnittes.

Nachteile durch Spontangeburten

Zum Vergleich: Forschungen darüber, welche späteren Nachteile sich durch einen Sauerstoffmangel bei einer natürlichen Geburt ergeben, gibt es kaum, gefragt wird danach auch zu selten. Jede Komplikation, jedes Abweichen vom Plan, jeder Moment unter einer Geburt ist fragil und so nicht vorhersehbar. Es gibt keine Geburt, die keine Nachteile nach sich ziehen könnte, aber auch keine, bei der es keine Vorteile gibt.

 

Wie oft kann eine Frau einen Wunschkaiserschnitt haben?

Streng betrachtet kann eine Frau nur einen einzigen Wunschkaiserschnitt erleben, da jede Sectio, auf die eine weitere folgt, als eine sogenannte Re-Sectio definiert wird und damit nicht mehr allein dem Wunsch der Mutter entspricht, sondern auch medizinisch entsprechend erfasst ist. Nicht wenige Frauen entbinden nach einem ersten Kaiserschnitt wieder per Kaiserschnitt. Über die Anzahl der möglichen Kaiserschnitte an und für sich streiten die Mediziner heute noch untereinander. Während manche Ärzte hierzulande die Grenze bei 3 Kaiserschnittgeburten ziehen, gibt es Länder, in denen Mütter bis zu teilweise 8 Kaiserschnitte erleben. Frauen mit 3-5 Kaiserschnittgeburten sind, nach meinem Wissensstand, zumindest in Deutschland, nichts Ungewöhnliches.

 

Wie geht das Umfeld einer Schwangeren mit einem Wunschkaiserschnitt um?

Das ist sehr unterschiedlich. Manche Frauen berichten von sehr negativen Reaktionen aus ihrem persönlichen Umfeld, wobei die Partner oft die Personen sind, die ihnen am ehesten den Rücken stärken, doch auch hier gibt es Ausnahmen. Während ein Teil der Frauen aus ihrem Familien- und Freundeskreis beinah gänzlich Unterstützung für ihren Entscheid bekommt, wird der andere Teil von nahezu allen dafür verurteilt. Oft wird gegenüber dem Umfeld ein, für alle nachvollziehbarer, Grund für den Kaiserschnitt angegeben, um sich selbst in dieser ohnehin sensiblen Phase vor konfliktträchtigen Gesprächsmomenten zu schützen.

Aufgrund des negativ geprägten Bildes eines Kaiserschnittes, der dazu noch selbst gewählt und gewünscht ist, vermeiden einige Frauen jeglichen Austausch darüber innerhalb ihres nahen Umfeldes, um Konflikten von vornherein aus dem Weg zu gehen.

Im Kontakt mit Fachkräften wie Hebammen und Ärzten sind die Reaktionen oft genauso unterschiedlich. Während es Fachkräfte gibt, die sehr verständnisvoll auf den Wunsch der Schwangeren reagieren, sie umfassend beraten und in ihrem Weg vollumfassend unterstützen, gibt es auch die andere Seite. Frauen, die sich vor Ärzten und Hebammen qualvoll und meist genauso vergeblich versuchen zu rechtfertigen, die sich nahezu erdrückenden Überredungsversuchen ausgesetzt sehen, sind keine Seltenheit.

Ein verständnisvoller Umgang mit dem Wunsch der Frau sowohl im persönlichen Umfeld als auch seitens der Ärzte und Hebammen ist oft eher ein persönlicher Glücksfall.

 

Aus ganzheitlicher Sicht wird vom Kaiserschnitt abgeraten, da man die Wehen als Vorbereitungsphase für den Eintritt ins Leben sieht. Beim Kaiserschnitt hingegen wird das Kind mit einem Griff aus der Wärme und Geborgenheit der Gebärmutter ans Licht, in den kalten und lauten Operationssaal gerissen.
Was entgegnest Du dieser Aussage?

Eine wahrhaft ganzheitliche Sicht auf diesen ersten Lebensabschnitt gibt es meiner Ansicht nach bisher gar nicht, denn eine Perspektive, in der die Mutter oder gar der Vater keinerlei Rolle spielen, kann nicht ganzheitlich sein. Neben der körperlichen Unversehrtheit ist die Mutter-Kind-Bindung eine der wichtigsten Basiselemente im Leben eines Kindes. Jedes Leben, jede Entwicklungsphase fußt auf Liebe. Dieser Aspekt kommt bei den Diskussionen darum, welcher Weg der optimale sei meiner Meinung nach viel zu kurz.

Die Aussage mit der Betonung des Herausreißens des Babys begegnet mir sehr oft, hinterlässt bei mir aber vor allem Wut. Auch wenn ich dabei nur für mich sprechen und keine pauschale Aussage daraus definieren kann und will, aber meine eigenen Kinder kamen beide per Kaiserschnitt zur Welt. Sie waren von Beginn an liebe, ruhige, durchschlafende, nimmersatte Babys, die auf mich weder traumatisiert noch irgendeiner Welt entrissen wirkten, aber selbst gesehen habe ich die Entwicklung meiner Kinder aus meinem Bauchraum nicht.

Ich durfte selbst bei einem Kaiserschnitt dabei sein.

Diese visuelle Lücke konnte ich vor wenigen Wochen schließen. Ich hatte die unglaubliche Ehre eine Kaiserschnittgeburt begleiten zu dürfen, ich kann also behaupten, mit eigenen Augen gesehen zu haben, wie ein Baby aus dem Bauch in die Welt geholt wird. All die Videos, all die Fotos, die ich davor sah, kamen diesem Moment aber nicht einmal ansatzweise nahe. Da waren kein Blut oder freiliegende Gedärme zu sehen, es gab kein Gezerre, kein Reißen, keine gefühlte Brutalität, da gab es nur pure Liebe. Ich blickte voller Faszination auf ein neues Leben, welches mit geübten Griffen sanft aus dem Bauch seiner Mutter gedreht wurde, zaghaft umschlossen von kompetenten Händen, sicher gehalten und gestützt, behütet vom ersten Moment seines Lebens an.

Im Operationssaal war es nicht heller als in einem Kreißsaal. Es war nicht laut, man sprach ruhig und bewusst miteinander, niemand schrie, außer dem kleinen Bündel, welches seiner Mutter direkt auf die Brust gelegt wurde. Ich weinte, obwohl es nicht mein eigenes Kind war, was da gerade den Weg ins Leben fand, aber ich dachte an meine beiden Kinder zuhause und der Gedanke, dass auch sie so zur Welt kamen, ließ mich vor Freude weinen.

Dieser Anblick war nicht die Hölle, es war kein brutaler liebloser Akt, kein gefühlskaltes lautes grelles Chaos, es war warm und liebevoll, sanft und leise, ruhig und sicher. Die Gefühle, die wir auf Erlebnisse übertragen, definieren ihn immer nur für uns selbst, aber nicht im Allgemeinen, für jeden sieht das, was er sieht also anders aus, aber auf gewissen Ebenen treffen sich Aussagen immer wieder.

Ein Kaiserschnitt ist keine natürliche Geburt, aber er ist auch nicht der kalte, herzlose, brutale Akt, zu dem er nach wie vor erklärt wird.

Das eigentliche Problem sehe ich bei der Thematik besonders darin, dass versucht wird die beiden Geburtsformen gleichzustellen, was jedoch völlig unmöglich ist. Ein Kaiserschnitt wird nie eine natürliche Geburt ersetzen, aber das soll er auch gar nicht. Ein Kaiserschnitt ist ein Kaiserschnitt, eine natürliche Geburt ist eine natürliche Geburt – 2 Geburtsformen, 1 Million Gefühle und Gedanken dazu.

 

Wunschkaiserschnitt und Alleingeburt, zwei Extreme, wenn es um Geburten in der heutigen Zeit geht. Warum wollen die einen in die natürlichen Prozesse eingreifen und die anderen der Natur um jeden Preis freien Lauf lassen?

Ich persönlich betrachte die Geburtshilfe mittlerweile als einen Spiegel unserer Gesellschaft. Wunschkaiserschnitte und Alleingeburten sehe ich dabei ebenso als Teil dieser Spiegelung. Die moderne Geburtshilfe wird den Bedürfnissen der Frauen nicht so gerecht, wie es sein sollte. Von Frauen, die sich für einen Kaiserschnitt entscheiden, habe ich oft gelesen, dass sie natürlich entbinden würden, wenn die Bedingungen besser wären. Während auf der anderen Seite Frauen stehen, die eine Geburt in einem Kreißsaal für sich ablehnen. Beides kann ich gut nachvollziehen.

Interventionen unter der Geburt

Ich würde mich heutzutage auch nicht für eine Klinikgeburt entscheiden. Die klinische Herangehensweise würde mich abschrecken, die durchgetaktete Interventionskette wäre für mich ein Eingreifen in die Natur, die ich so nicht wollen würde.

Dass es Frauen mit dem Wunsch nach einer Spontangeburt dann oft erst recht so geht, ist für mich nur verständlich. Sie wollen interventionsarm und liebevoll aber nicht reglementiert begleitet werden. Das lässt sich aber so nur mittels einer Hausgeburt oder in einem Geburtshaus realisieren. Viele haben dazu jedoch gar nicht mehr die Möglichkeit. Dass dann die Überzeugung in eine Geburtssituation mündet, die dem, was man eigentlich will, am ehesten nahekommt, ist nachvollziehbar. Natürlich gibt es aber auch viele Frauen, die sich von dem Phänomen der instinktiven Natürlichkeit einer Geburt so angezogen fühlen, dass sie diese ganz für sich allein erleben möchten.

Diese Schere in die beiden Richtungen, abweichend von der Norm, ist für mich die Spiegelung der fehlgeleiteten Geburtshilfe, in die wir uns mitten hineinmanövriert haben. Der Versuch aus dieser auszubrechen, ist in beide Richtungen möglich. Ich spekuliere da ein wenig, aber ich gehe davon aus, dass in einem System mit einer authentischen, wahrlich ganzheitlichen und an die Frauen angepassten Geburtshilfe auch die Extreme abnehmen würden.

 

Welche Geburtsform würdest Du Deiner Tochter empfehlen?

Vorausgesetzt meine Tochter würde mich eines Tages tatsächlich um Rat bitten und mich fragen, was sie machen solle, würde ich mich mit ihr hinsetzen, ihre Hand nehmen und ihr sagen, dass nur sie allein in sich horchen kann, um dort die Antwort darauf zu finden, welcher Weg der Richtige für sie ist. Ich würde ihr natürlich dabei helfen, ihre Fragen zu den Geburtsformen zu beantworten, ihr zuhören und sie in ihren Ängsten ernst nehmen, darin würde ich auch meine wichtigste Aufgabe als Mutter sehen, aber diese Entscheidung müsste sie alleine treffen.

Ich würde meine Tochter bei jeder Geburtsform begleiten und keinen Augenblick von ihrer Seite weichen. Es gibt keine perfekte, risikofreie und absolut optimale Geburtsform, jeder Weg ist mit Risiken, möglichen Komplikationen und Folgen verbunden, die wir so im Einzelnen vorab nie klar absehen können. Wenn meine Tochter natürlich entbinden möchte, werde ich sie darin genauso unterstützen wie bei einem Entscheid für einen Kaiserschnitt. Ich würde ihr keinen Gefallen tun, wenn ich ihr meine eigene Erfahrung als das Optimum überstülpe und sie dabei nicht die Rolle einnehmen kann, die ihr zusteht.

 

Glaubst Du, dass der Wunschkaiserschnitt bald häufiger als die vaginale Geburt gewählt wird? Müssen sich Frauen bald FÜR eine vaginale Geburt entscheiden?

Copyright: Diana Leib

Ich persönlich glaube, Frauen werden in Bezug auf das Thema Geburt bald ganz andere Probleme haben, bevor wir dazu kommen überhaupt über so eine Wahl zu diskutieren. So wie sich die jetzige Geburtshilfe entwickelt, steuern wir eher auf ein gefährliches Roulettespiel zu.

Entwicklung der Geburtshilfe

Geburtsstationen und hebammengeführte Geburtshäuser werden reihenweise geschlossen, Hausgeburten sind für viele Frauen gar keine Option mehr, Hebammen müssen ihre Arbeit beenden, Frauen mit Wehen werden nach Hause geschickt. Eine wirkliche Wahl gibt es so bald gar nicht mehr, wenn es so weiter geht und wenn dann vielleicht nur zwischen einer natürlichen Geburt im Kreißsaal oder einem Kaiserschnitt im Krankenhaus. Wenn am Ende, gefördert durch die fehlende positive Intervention seitens der Politik, immer mehr Kliniken ums Überleben kämpfen müssen und aufgrund der personellen Situation Kaiserschnitte lukrativer und eher durchführbarer erscheinen, auch die Sectiorate ansteigen wird, ist das noch lange kein Abbild der Wünsche der Frauen.

Der Anteil der Frauen, die natürlich entbinden wollen, ist nach wie vor mit großem Abstand höher als der, welche einen Kaiserschnitt vorziehen. Die tatsächlichen Kaiserschnittzahlen zeigen ja nicht die gewollten, sondern die durchgeführten Schnitte. Was die Frauen wollen und was sie bekommen steht auf 2 verschiedenen Blättern. Meiner persönlichen Meinung nach aber wird die natürliche Geburt immer die erste Wahl beim Großteil der Mütter sein und ich sehe daran auch absolut nichts Falsches.

Mit einem Blick auf die Frau mit ihrem Kind gemeinsam im Zentrum der Geburtshilfe und entsprechenden Reformen, könnte man diese Frage auch bereits im Keim auflösen. Davon abgesehen haben es heute Frauen mit dem Wunsch nach einem Kaiserschnitt in vielen Regionen teilweise eher schwer diesen Wunsch überhaupt durchzusetzen. Viele besuchen mehrere Kliniken oder nehmen längere Fahrtwege in Kauf. Das Klischee vom Arzt, der sich über Frauen, die einen Kaiserschnitt wollen, die Hände reibend freut und es direkt abnickt, ist, was es ist, ein Klischee.

Ökonomische Betrachtungen der modernen Geburtshilfe

Im Normalfall ist es eher sogar umgekehrt, denn die eigentliche sogenannte goldene Nase holen sich die Kliniken bei den Notkaiserschnitten. Daher scheint es zumindest logischer, dass dies durch ein Ablehnen des Wunsches, versucht würde zu forcieren. So ließe sich sowohl die eigene Überzeugung einer optimalen Geburt durchsetzen als auch die Aussicht auf eine gewinnbringende Geburt erhöhen. Frauen, die von vornherein eine natürliche Geburt für sich ablehnen, landen mit viel höherer Wahrscheinlichkeit am Ende in einem OP, als Frauen, die positiv gestimmt in die Geburt gehen.

Natürlich möchte ich damit Ärzten im Allgemeinen keine habgierige Bösartigkeit unterstellen, es ist nur ein Gedanke von vielen inmitten der ökonomisch geprägten medizinischen Herangehensweise in unserem heutigen Gesundheitssystem. Richtig unterstützt und gefördert sehe ich aber die natürliche Geburt trotz alledem auf Platz 1 der Wunschliste der Frauen. Die Mühlen mahlen langsam, und wenn ich mir das jetzige gesellschaftliche Bild anschaue und die damit einhergehende Verachtung für Frauen mit dem Wunsch nach einem Kaiserschnitt, ist es für mich nicht vorstellbar, dass sich dieser Trend so schnell wenden wird. Von einem Extrem ins andere zu fallen, wäre aber auch nicht das, was der Geburtshilfe jetzt gut tun würde.

 

 

Über Nancy Bujara

geb. im April 1984, aus Leipzig, verheiratet, 2 Kinder, Autorin & Bloggerin

Staatlich anerkannte Ergotherapeutin mit zertifizierten Fortbildungen in Lerntherapie und lösungsorientierter Kurzzeittherapie und –beratung. Für ihre Berufung brennende Autorin von Geburt an, seit 2016 nicht minder leidenschaftliche Bloggerin, aktuell in Ausbildung zur Schriftstellerin an der Textmanufaktur.

 

 

 

 

 

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Kommentare

  1. Antworten

    Hi, was für ein wunderbarer, ausgewogener Artikel! Ich arbeite auch grad an einem Artikel über Sectios, aber nun traue ich mich kaum mehr, nach diesem tiefgründigen, überlegten und besonders auch fachlich kompetenten Artikel. Ich bin KS-Mama und stehe über den Vorurteilen und Verurteilungen. Aber durch diese Kommentare vorher (der erste KS war nicht geplant), hatte ich so ein Horrorszenario im Kopf, dass ich viel zu spät nach einem KS gebeten habe. Mir wäre einiges erspart geblieben, wenn ich nicht diese schlimmen Geschichten im Kopf gehabt hätte. Meine ersten beiden Kinder waren sekundäre Sectios nach Wehen (bei beiden stand aber wegen meiner Anamnese, Typ 1 Diabetes, der Kaiserschnittermin schon), der dritte war eine komplett geplante Re-Sectio. Das KH hätte mich auch natürlich entbinden lassen, sahen die Chancen bei meiner Vorgeschichte aber gering, und es war gut so, es wurde die Vermutung geäussert, dass es bei Wehen eine Ruptur gegeben hätte. Vor dem ersten Geburtsversuch konnte ich Wunschkaiserschnitte absolut nicht verstehen, ich habe nicht darüber geurteilt, aber hatte auch kein Verständnis. Nach meinem persönlichen absolut unschönen Erlebnis, wie entwürdigend ich den vergeblichen natürlichen Versuch fand, sah es ganz anders aus. Ich kann Frauen verstehen, die sich dieser Situation gar nicht erst aussetzen wollen. Persönlich rate ich immer, aufs eigene Gefühl zu hören, aber immer auch einen Plan B und Plan C im Kopf zu haben und eben dann zu entscheiden. Beim zweiten Kind war es eben auch offen, sie haben den Befund gemacht, als ich mit Wehen dort hin kam, und daraufhin habe ich den Kaiserschnitt genommen. Im Endeffekt waren alle Kaiserschnitte auf meinen Wunsch, aber eben mit Indikation. Der erste KS war aus Sicht der Hebamme fürs Kind wie eine natürliche Geburt. Unser Dritter war der einzige ohne Wehen und er wollte nicht raus, das hat man ihm die ersten Tage angemerkt. Daher, eine Sectio mit Wehen, das war mein persönliches Optimum. Zumindest das, was ich kann, denn natürlich funktionierte bei mir eben nie. Und ja, die erste Sectio war okay, lag an vielen Faktoren. Sectio 2 und 3 waren richtig schön. Lieben Gruß und Danke an Dich für diesen Artikel!

      • Diana
      • 8. September 2017
      Antworten

      Liebe Denise,
      danke für Dein tolles Feedback! Es freut mich sehr, dass ich den Artikel ausgewogen halten konnte. Das ist bei dem Thema gar nicht so leicht. Viele Mütter fühlen sich schnell angegriffen, da sie sich entweder verurteilt fühlen, dass sie einen WKS in Betracht ziehen oder weil sie die Notwendigkeit überhaupt nicht begreifen können. Ich hoffe, es können Vorurteile abgebaut werden und Mütter hören auf, sich wegen einem WKS gegenseitig zu zerfleischen. Natürlich ist es nicht egal, wie ein Kind auf die Welt kommt, aber ein bisschen mehr Aufklärung zu diesem Thema kann nicht schaden.
      Deine Erfahrungen sind sehr wertvoll und würden mich interessieren. Es muss ja kein wissenschaftlicher Artikel sein. 😉 Ich freue mich darauf!
      Liebe Grüße

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