Ein Abschied – Brief an meine Töchter

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Für jeden Menschen sind die eigenen Wurzeln, die Herkunft wichtig. Sie geben uns Halt und Sicherheit. Zu wissen, woher man kommt, hilft bei der Suche, wohin man gehen möchte.

Nicht nur die Eltern vererben Eigenschaften an ihre Kinder. Manchmal sieht man in den Kindern eine Ähnlichkeit zu Groß- oder sogar Urgroßeltern. Diese Verbindung kann sehr stark sein, obwohl sich die Generationen nie getroffen haben. Das ist dann Genetik.

Die meisten haben heutzutage wohl noch Kontakt zu ihren Großeltern, wenn sie Kinder sind. Erinnerungen an Urgroßeltern werden immer seltener, da der Kinderwunsch immer später umgesetzt wird.

 

Ein Brief an meine Töchter

Heute haben wir Eure Uroma zu den Engeln geschickt. An Löckchens ersten Geburtstag habt ihr sie noch einmal getroffen, aber daran erinnern werdet ihr euch nicht. Für eine Uroma war sie noch viel zu jung zum Sterben. 76 ist doch heute kein Alter.

Sie war nicht nur Eure Uroma, sondern auch meine Oma und so kenne ich sie seit fast 30 Jahren. Ich erinnere mich schemenhaft an ein Weihnachtsfest, das wir bei ihr verbracht haben. Als ich Liebeskummer hatte, sagte sie einmal zu mir: „Frauen sind wie Affen: Erst, wenn sie den nächsten Ast fest im Griff haben, lassen sie den anderen Ast los.“ Diesen Satz werde ich nie vergessen und immer mit ihr in Verbindung bringen.

Eure Uroma war eine resolute, selbstbewusste Frau. Das hat sie an euren Opa, meinen Papa, und er an mich weitergegeben. Dafür bin ich ihr sehr dankbar. Es war nicht immer alles perfekt, aber das muss es auch nicht. Das ist völlig in Ordnung.

Eure Uroma musste nicht lange leiden, keine lange Krankheitsgeschichte ertragen. Wir konnten uns noch verabschieden. Wie viel sie davon mitbekommen hast, weiß ich nicht, aber wir waren beide da. Alles andere ist unwichtig.

In der Gedenkfeier hast Du Löckchen mir sehr viel Kraft gegeben. Mit jedem Satz der Trauerrede wurden meine Arme, in denen Du Deinen Mittagsschlaf fortgesetzt hast, leichter. Was für ein Geschenk, dass ich in diesen Minuten an Deinen Haaren riechen und so die Worte noch intensiver aufnehmen durfte.

Ein winziger Trost in dieser Zeit des Abschieds ist, dass eure Uroma noch Leben retten konnte, da sie und wir einer Organspende zugestimmt hatten. Bald werden wir erfahren, wie vielen Menschen geholfen werden konnte. Der Tod eurer Uroma macht mich auch deshalb traurig, da auch ein Teil von euch gegangen ist. Gern hätte ich euch noch mehr und vor allem bewusstere Jahre mit ihr gegönnt. Es tut mir Leid für jeden Vorfahren, den ihr nicht mehr persönlich kennen lernen und mit dem ihr eure eigenen Erinnerungen verbinden könnt.

Wenn ihr älter seid, werde ich euch die Geschichte eurer Uroma erzählen, woher sie stammt, wohin sie ging. Damit auch ihr ein Teil mehr im Puzzle eurer Herkunft und eurer Wurzeln kennt und so entscheiden könnt, wohin ihr einmal gehen wollt.

In Liebe,
Eure Mama

 

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Photo credit: Ian Schneider

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Comments

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  2. Antworten

    Mein Beileid! AUch wir haben vorletztes Jahr meine Oma verloren und ich stelle fest, dass sie immer noch – obwohl sie vor ihrem Tod nicht in unserer Nähe gewohnt hat – sehr präsent ist. Die Löwenkinder schicken ihr und unserem Hund manchmal Küsschen in den Himmel und wenn wir gemeinsam kochen oder backen, gebe ich ihnen alle kleinen Tipps und Tricks bei, die ich von meiner Oma gelernt habe. Und auch bei vielen anderen Gelegenheiten erzähle ich ihnen kleine Geschichten über unsere „Uri“, die sie begeistert aufsaugen.

    1. Antworten

      Ich finde es schön, dass ihr gemeinsam an sie denkt. Die Erinnerung ist für uns alle wichtig, denn ein Abschied ist nie leicht. Wir werden unserer Oma bei den nächsten Familienfeiern immer ein Gedeck hinstellen. Das finde ich eine schöne Idee.

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