Meine Mutterschaft hat mich radikalisiert

Meine Mutterschaft radikalisiert mich - zweitöchter

Fast fünf Jahre bin ich nun Mutter und habe in dieser Zeit so viel gelernt. Ich habe mich in dieser Zeit sehr verändert – ja ich würde sogar sagen, dass ich radikaler geworden bin. Warum und was das bedeutet, zeige ich Dir in diesem Artikel.

Situation 1: Geburt

Es ist Anfang Mai. Ich kugele fröhlich durch die 41. Schwangerschaftswoche und bin aufgeregt, wann es endlich losgeht. Die Schwangerschaft verlief unkompliziert. Ein großes Kind wurde uns prognostiziert.

7 Tage nach dem errechneten Termin sitzen wir im Kreißsaal und besprechen eine mögliche Einleitung mit dem diensthabenden Arzt. Ich unterzeichne Formulare und Einverständniserklärungen. Am nächsten Abend sollen wir wiederkommen. Heute gäbe es bereits zu viele Geburten.

Es geht mir gut. Wir feiern noch einen Geburtstag mit der Familie und 2 Stunden später finden wir uns vor dem Kreißsaal ein. Vor Aufregung produziere ich völlig überraschend sogar Wehen. Man sieht von einer Einleitung ab und schickt mich auf Station. Meine letzte Nacht mit Baby im Bauch und ich schlafe wie ebenjenes.

Am nächsten Morgen bei der Visite eröffnet mir die Ärztin, dass nun keine Zeit mehr sei für die nicht-hormonelle Einleitung. Tschüss Ballonkatheter, hallo Prostaglandin-Tablette. Etwa 13 Stunden später halte ich meine erste Tochter im Arm. Mehr zu meiner ersten Geburt mit Einleitung.

Situation 2: U3

3 Wochen später nehme ich den Termin zur U3 bei der Kinderärztin wahr. Sie nimmt mich und mein Kind komplett auseinander. Danach bin ich am Boden zerstört und fühle mich wie die schlechteste Mutter aller Zeiten.

Situation 3: Stillen

Seit 6 Wochen kämpfe ich bereits mit Stillproblemen. Meine Hebamme kann mir nicht helfen. Meine Frauenärztin kann mir nicht helfen. Die Stillberaterin in der Klinik ist dauerhaft verhindert. Ich fahre ins Klinikum einer anderen Stadt. Dort rät man mir zu einer Behandlung: mindestens eine Woche auf Station oder eben abstillen. Meine ganze Stillgeschichte findest Du hier.

Meine Kehrtwende

Ich lehne ab und vollziehe meine erste mütterliche Kehrtwende. Nicht nur, dass ich alle Ratschläge in den Wind schieße, nein, ich gehe sogar einen ganz anderen Weg. Ich stellte mich dieser Herausforderung und als ich die Entscheidung getroffen hatte, weiterzustillen komme was wolle, ging es mir besser als alle Wochen zuvor. Keine Sekunde habe ich die Entscheidung bereut. Ich habe weitere 2 Wochen gekämpft, doch wurde ich mit einer insgesamt 9-monatigen Stillzeit belohnt.

Was ich mit dieser Geschichte sagen will?

Jeder Neustart als Mutter hat seine Herausforderungen. Manche erleben sie schon in der Schwangerschaft, andere bei der Geburt oder danach. Dennoch lernen wir Mütter sehr viel in dieser Zeit über uns selbst und unsere Kinder, aber auch über unser Umfeld. Ich habe mit dem Beginn als Mutter erstmals gelernt, Nein zu sagen: zu Ärzten, zu Schwestern, zu Behandlungen oder gut gemeinten Ratschlägen.

Ich habe gelernt, dass ich nicht alles mit mir machen lassen muss und dagegen argumentiere, wenn es sein muss. Ich wollte nie wieder so hilflos sein, wie bei meiner ersten Geburt oder wie bei dieser U3. Ich wollte selbst über mein Schicksal bestimmen.

Wie mich meine Mutterschaft radikalisiert

Mittlerweile bin ich seit fast 5 Jahren Mutter und ich habe viel dazu gelernt. Seitdem sage ich auch zu Erziehern, Mitarbeitern in Ämtern, ja sogar älteren Menschen, die sich dumm oder falsch äußern oder verhalten, die Meinung. Das tut gut.

Letzte Woche erst habe ich ein Ehepaar zusammengestaucht, weil es auf einem Parkplatz mich und meine Tochter quasi weggehupt und fast mit Absicht angefahren hat. Wenn meine Kinder dabei sind, werde ich einfach zur Löwenmutter. Der Mann am Steuer war danach so klein mit Hut. Aber für meine Tochter war diese Lektion wichtig. (Was ich meinen Töchtern außerdem mit auf den Weg geben möchte) Ich habe ihr die Situation erklärt und wir waren uns einig, dass sich auch Erwachsene hin und wieder falsch verhalten. Und dass wir dagegen etwas sagen können!

Ich habe mein Leben in den letzten Jahren komplett auf links gedreht und vieles verändert, woran ich bisher immer festgehalten hatte. Denn plötzlich machte ich mir als Mutter viel mehr Gedanken über Ursachen, Auswirkungen und auch die großen Zusammenhänge im Leben. Es geht schließlich nicht mehr nur um mich…

Was sich durch mein Muttersein in den letzten 5 Jahren verändert hat:

  • Ich bin komplett auf Naturkosmetik umgestiegen.
  • Ich versuche radikal auf Plastik zu verzichten (keine Plastiktüten über Glasbehälter bis zum festen Deo).
  • Ich kaufe 80% Bio-Lebensmittel, vieles davon saisonal und regional.
  • Ich verzichte so gut es geht auf Fleisch, d.h. ich komme maximal auf 100 Gramm pro Woche. (Will sagen, wenn irgendwo Speck dran ist oder die Soße auf Grundlage von Fleisch gemacht wurde, esse ich es trotzdem.)
  • Wir lassen am Wochenende das Auto stehen, laufen oder fahren mit dem Bus.
  • Städte und Betonwüsten finde ich zunehmend anstrengend. Am liebsten möchte ich Zeit im Wald verbringen. Mit jedem Jahr zieht es mich mehr in die Natur und die Einsamkeit.
  • Ich schaue kein Privatfernsehen und keine Nachrichten. Was mich trotzdem erreicht, das war dann auch wichtig.
  • Ich lebe nicht mehr nur von einem Angestelltenverhältnis, sondern habe mich nebenberuflich selbstständig gemacht und streue somit mein Risiko.
  • Ich sage Nein zu Aktivitäten und Verpflichtungen, die mir keinen Mehrwert oder Spaß bringen: sowohl beruflich als auch privat.
  • Ich trenne mich von Menschen, die mir nicht gut tun und die meine Lebenseinstellung nicht akzeptieren.
  • Mein Erziehungsstil wird mit jedem Jahr softer und lockerer. Bis „Unerzogen“ ist es noch ein langer Weg für uns, aber ich möchte ihn gehen.

Auch die kommenden Jahre werden wieder Herausforderungen mit sich bringen, die Veränderungen notwendig machen. Vor allem die Themen Freilernen, Erziehung und Finanzen werden uns weiter intensiv beschäftigen.

Wie hat sich Dein Leben durch das Muttersein verändert? Gab es einen Auslöser? Fühlst Du Dich radikaler, stärker oder eher schwächer? An welchen Themen möchtest Du die nächsten Jahre wachsen?

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Tags: journal

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Comments

    • Audrey
    • 29. Juli 2019
    Antworten

    Das war der Beitrag, den ich leben musste! Ich bin zu Deinem Blog über Deinen Beitrag „von der Angst, sein Kind zu verlieren“ gekommen, als ich von einem furchtbaren Ereignis las (ich werde HEUTE den verfluchten GMX als E-Mail-Provider abschaffen!)

    Und dann fand ich das… ich habe letzte Woche im Supermarket einer Frau eins erwicht, die sich gewagt hat, den Kinderwagen anzufassen um ihn zu bewegen (und 1. gab es genug Platz um fortwärts zu kommen, und 2. wenn ich gerade in der Hocke bin um meine heruntergefallene Einkaufsliste vom Boden zu holen, dann ist doch klar, dass wir uns in 3 Sekunden weiterbewegen werden).

    Es hat mir gut getan zu wissen, dass ich in der Lage bin, mein Kind zu schützen. Früher hätte ich nichts gesagt. Dieses Mal habe ich die Lage zu meiner Zufriedenheit erledigt, und es war befreiend.

    Danke, dass Du darüber geschrieben hast!

    1. Antworten

      Hi Audrey,
      wow, da kamen meine 2 Artikel wohl wirklich genau richtig für Dich!
      Das freut mich sehr und ich wünsche Dir weiterhin eine „radikale“ Mutterschaft 😉 Du bist auf dem richtigen Weg!
      Alles Gute,
      Diana

  1. Pingback: Liebe Eltern, bleibt offen und tolerant miteinander! - zweitöchter

  2. Pingback: Mehr Vorfreude statt Vorsorge in der Schwangerschaft - zweitöchter

  3. Antworten

    Ich bewundere deine „radikale Art“. Ich habe mich durch das Mutter werden und sein auch sehr geändert, würde mir allerdings wünschen, an vielen Stellen noch klarer zu sein. Aber letztendlich ist alles ein Prozess, der einen jeden Tag ein wenig mehr stark macht.

    1. Antworten

      Liebe Anika,
      das sehe ich auch so. Es ist ein fortlaufender Prozess und manchmal gehen wir sogar „einen Schritt zurück“. Aber trotzdem entwickeln wir uns weiter. Unterschiedlich! Und das ist gut so! <3
      Liebe Grüße!

  4. Antworten

    Mich hat die Mutterschaft natürlich auch verändert. Ich habe gelernt wieder viel mehr auf meine Intuition zu hören!

  5. Antworten

    Ich mag deinen Artikel sehr, auch wenn ich mit einigen Punkten nicht konform gehe. Aber das ist auch gar nicht schlimm, denn jedes Kind ist individuell, jede Mama versucht, das Beste für sich und ihr Kind herauszuholen und da einen Weg für sich und die Familie zu finden. Da gibt es kein komplett richtig oder komplett falsch. Da gibt es ein „wir fühlen und alle damit wohl“. Und es ist so verdammt wichtig, für sich und sein Kind einzustehen und die Gefühle nicht zertrampeln zu lassen. Das machst du toll!

    • Jess
    • 14. Februar 2019
    Antworten

    Niemals hab ich so viel in meinem Leben gelernt, wie seit dem ich Mutter bin. Irgendwie bin ich erst dann „richtig erwachsen“ geworden…. hinterfrage mich, meine Ansichten und die Welt, ohne dabei mich aus den Augen zu verlieren (was ich eine Zeit lang tat, aebr ich glaube das ist auch der Lauf der Natur).

    Aber nicht nur meine leibliche Tochter hat mich reifen lassen – auch die Pflegschaft mit dem Großen hat mich stark verändert. Ich war mir nicht bewusst, wie stark man sein kann und wie sehr man lieben kann und wie verzweifelt und glücklich man sein kann 😉

    P.S. Wie machst du das mit der Schule und der Schulpflicht?

    1. Antworten

      Das glaube ich Dir. Ich stelle mir eine Pflegschaft auch nochmal als besondere Herausforderung vor, an der man als Eltern wachsen kann.

      Und zu Deiner Frage: Freilernen ist in Deutschland schwierig und ich will nicht jahrelang mit Behörden kämpfen und mit einem Bein im Gefängnis stehen. Zum Freilernen sehe ich auch hier nicht die optimalen Bedingungen. Das braucht eine community aus ähnlich Denkenden. Das heißt, dafür würden wir auswandern.

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