Kitafrei: Viel Freiheit, aber auch viel Verantwortung

Kitafrei: Viel Freiheit, aber auch viel Verantwortung - Ein Erfahrungsbericht

Kitty lebt mit ihrer Familie kitafrei. Sie berichtet von ihrem Alltag, den privaten und beruflichen Herausforderungen und wie es mit der Schule weitergeht.

Für sie bedeutet Kindergartenfrei zu leben, vor allem viel zeitliche Freiheit, die Möglichkeit die Aktivitäten den Interessen und Bedürfnissen ihres Kindes anzupassen, ihm feste, gleichbleibende Bezugspersonen zu ermöglichen und ihn selbst aufwachsen zu sehen.

Sie betont aber auch die enorme Verantwortung: „Wir sind für jeden einzelnen Aspekt des Lebens unseres Kindes zu 100% verantwortlich. Egal ob Bildung, Kontakt zu anderen Kindern, für ausreichende Bewegung sorgen, gesundes Essen auf den Tisch bringen, usw. Jeder Aspekt, den die Kita uns normalerweise abnehmen würde, liegt bei uns.“

Wie es zur Entscheidung „Kitafrei“ kam

Persönliche Gründe

Zur Entscheidung führten mehrere Gründe: Zum einen sind sie als Eltern sehr freiheitsliebend: „Wir hassen es wenn uns von außen diktiert wird, wie wir zu leben haben, was ja bei einer Kita mit Hol-, Bring-, Schlaf- und Schließzeiten zwangsläufig passiert.“

So soll ihr Sohn stattdessen seinen Schlafrhythmus behalten dürfen und seine sich entwickelnden Interessen gesehen werden. Zusammen verbringen sie sehr gerne Zeit draußen, wo er sich frei bewegen kann. „Das wollen wir nicht durch “schlechtes Wetter”, Kita- oder Bildungspläne eingeschränkt sehen“, sagt Kitty.

Das Leben hat ihnen in den ersten zwei Lebensjahren des kleinen Bären auch noch einen ganz anderen Grund für Kitafrei geliefert. Als Kitty im 8. Monat schwanger war, ist bei Papa SVen zum 1. Mal Leukämie festgestellt worden. Die 2. Diagnose kam als der kleine Bär gerade 1 Jahr alt war.

„Wir hatten gar keine Nerven für Kita-Suche und Eingewöhnung und waren einfach nur froh jeden Tag ins Krankenhaus gehen zu können, wenn es SVen gut genug ging. So wurde der kleine Bär nicht noch von außen gestresst und die ganzen Infekte und Viren konnten wir ebenfalls fernhalten,“ beschreibt Kitty die schwierige Zeit.

Auch für SVen ist es wichtig, dass sein Sohn solange es ihnen finanziell und organisatorisch möglich ist, nicht regelmäßig über längere Zeiten fremdbetreut wird.

Aber auch schlechte Rahmenbedingungen

Abgesehen von den persönlichen Wünschen der Familie ist die Betreuungssituation in Leipzig katastrophal. Man muss Glück haben, um überhaupt einen Platz bekommen. Da bleibt kaum Raum für den Wunsch nach bestimmten Konzepten oder Personal, das bestenfalls bedürfnisorientiert arbeitet.

Darüberhinaus zitiert Kitty aktuelle Studien zum Stresspegel (z.B. Cortisol-Spiegel im Blut) bei fremdbetreuten Kleinkindern und dessen negative Langzeitauswirkungen: „Das wollen wir unserem Kind gerne ersparen, solange wir es können.“

Kitty kümmert sich also hauptsächlich um die Betreuung des Sohnes, da SVen in Festanstellung als Software-Entwickler arbeitet. Nebenbei hat er noch eine eigene Firma. Sie nutzt die Schlafzeiten des kleinen Bären und die Zeiten, in denen SVen etwas mit ihm unternimmt, um mehrere eigene Geschäftsideen allmählich in die Tat umzusetzen.

Ihr Alltag ohne Fremdbetreuung

Der Tag mit dem kleinen Bären beginnt irgendwann zwischen 7 und 8 Uhr morgens. Er darf natürlich ausschlafen. Wenn SVen keine Meetings hat, frühstücken sie gemeinsam. Die Vormittage nutzen sie für Ausflüge, Kurse, Treffen oder Gartenarbeit. Nach dem Mittagsschlaf reicht die Zeit meistens nur für Garten, Spielplatz und einen Einkauf. Bei Hausarbeiten hilft der kleine Bär gerne mit.

Kitafrei birgt auch Herausforderungen

Als die größte Herausforderung sieht Kitty gleichbleibende Spielpartner zu finden, die regelmäßig vormittags Zeit haben und zu ihnen passen. Außerdem fällt es ihr ab und zu schwer ausgeglichen zu sein, wenn zum Beispiel viel Arbeit rumliegt und dringende Sachen gemacht werden müssen, die mit der Kinderbetreuung nicht vereinbar sind.

„Es ist schon immer wieder enorm frustrierend, geschäftliche Dinge nur im Schneckentempo erledigen zu können, aber das liegt natürlich auch an meinen Prioritäten und ist selbst gewählt,“ gibt Kitty zu.

Die Familie sieht in ihrer aktuellen Lebenssituation noch Verbesserungspotenzial. So würde Kitty gerne in Laufweite zu mehreren Kitafrei-Familien leben. Das würde organisatorisch vieles entspannen. „Das berühmte intakte Dorf oder eine Hofgemeinschaft wäre eine große Erleichterung,“ schwärmt sie.

Außerdem wünscht sie sich einen Job, den sie flexibel ausüben kann, wenn ihr Sohn schläft. „Für mich ist es immer wieder eine große Belastung, dass ich aktuell nichts zum Familieneinkommen beitrage.“

Vorteile des kitafreien Lebens

Natürlich sieht sie aber auch viele Vorteile in ihrer Betreuungssituation: „Wir können morgens spontan entscheiden in den Zoo zu fahren, einen Kuchen zu backen, in den Park zu gehen oder was auch immer uns einfällt.“ Wenn ihr Sohn krank ist, kann sie sich um ihn kümmern. Sie können außerdem Termine so legen, dass sie für die Familie am wenigsten Stress bedeuten.

In ihrem Umfeld ist die Rückmeldung zu ihrer Entscheidung überwiegend positiv. Vereinzelt kommt mal die Kritik, dass ihr Sohn andere Spielgefährten bräuchte. Diese Aussage entkräftet sie dann schnell, da es Kurse, Treffs und Familienzentren gibt, wo er Kontakt zu Kindern verschiedener Altersgruppen und Herkünfte hat.

Tipp für alle, die ebenfalls kitafrei leben wollen

Eltern, die ihre Kinder ebenfalls Kitafrei aufwachsen lassen wollen, rät Kitty: „Seid euch bewusst, dass es viel Verantwortung ist. Ihr seid für die Kontakte und die Bildung eures Kindes verantwortlich. Ein Kind, dem nicht die ganze Zeit von außen ein durchgetaktetes Programm aufgedrückt wird, entwickelt eigene Interessen und Rhythmen. Diese sollte man im Idealfall unterstützen können.“

Freilernen zu verstehen, ist ein wichtiger Aspekt

Als Beispiel erzählt sie, dass ihr Sohn vor einigen Wochen das erste Mal fragte, warum er noch nicht lesen kann. Die darauffolgenden Wochen betonte er immer wieder, dass er das gern können möchte. Die Familie steht jetzt also vor der Aufgabe ihrem Sohn altersgerecht lesen beizubringen. „Das ist in Deutschland so nicht vorgesehen. Entsprechend ist bei den Materialien und Methoden unsere Kreativität gefragt,“ gibt Kitty zu bedenken.

Vor 4 Wochen haben sie ihm als ersten Buchstaben das A gezeigt, das er inzwischen sicher und von alleine erkennt. Er lernt frei, das heißt sie üben es nicht explizit, sondern nur, wenn er danach fragt. Und so werden nach und nach weitere Buchstaben hinzukommen. Ganz ohne Druck und Wochenplan.

Wie es mit der Schule weitergeht

Auf einer Regelschule sieht sie ihren Sohn nicht, „wenn dann nur auf einer freien mit sehr offenem Konzept.“ Sollten sie aber keine passende Schule finden, werden sie den Heimunterricht bzw. das Freilernen fortführen. Aufgrund der sich abzeichnenden klimatischen Bedingungen in Deutschland werden sie wahrscheinlich ohnehin in Richtung Nordeuropa auswandern und sich dann dort mit dem Schulsystem auseinandersetzen. 

Abschließend sagt Kitty:

„Wir wissen, dass wir sehr, sehr privilegiert sind, die Entscheidung für Kitafrei treffen zu können. Wir sind dankbar für jeden Tag, an dem wir das so umsetzen können. Je älter der kleine Bär wird, desto bewusster ist mir, was für ein unendlicher Luxus es ist, zu wissen, dass er nicht auf die zeitlichen Kapazitäten und den guten Willen irgendwelcher Bezugserzieher angewiesen ist, um getröstet, ernst genommen oder respektiert zu werden.“

Kitty (30), SVen (36) und der kleine Bär (2,5) leben mit ihren 2 Katzen im schönen Leipzig. Übrigens: Sollte der kleine Bär tatsächlich dauerhaft den Wunsch äußern in einen Kindergarten zu gehen, werden sie sich auch darum kümmern.

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