Mutter sein trotz Depressionen

Mutter sein trotz Depressionen - zweitöchter

Gastartikel | Schicksalsschläge und Überforderung können uns in tiefe Krisen stürzen. Aus dieser Krise herauszufinden, gelingt oft nur mit professioneller Hilfe. Chrissi spricht offen über ihre Depressionen und wie sie trotzdem eine gute Mutter sein kann. Sie möchte alle Betroffenen und Angehörige ermutigen, Hilfe in Anspruch zu nehmen und das Tabuthema Depressionen überwinden.

Völlig erschöpft, mutlos, traurig

Es ist kurz nach neun Uhr. Ich komme nach Hause. Die beiden Jungs sind endlich im Kindergarten. Ich setze mich an den Esstisch und trinke meinen kalten Kaffee. Ich fühle mich völlig erschöpft, mutlos, traurig. Wieder habe ich mir die Nacht mit meinem Gedankenkarussell um die Ohren geschlagen. Neben mir liegt meine To-Do-Liste. Sie ist lang. Ich müsste heute eigentlich noch mindestens fünf Dinge davon erledigen, aber woher soll ich die Kraft dazu nehmen? Ich fühle mich unfähig und kraftlos. In sechs Stunden muss ich meine Kinder wieder abholen. Wie schaffe ich es bis dahin wieder einigermaßen fit zu sein?

Mein Weg

Solche Tage wie diesen hatte ich in meinem Leben schon zahlreiche. Und auch heute, wo ich gelernt habe mit meiner Depression umzugehen, schleichen sie sich hin und wieder ein. Aber das ist ok. Ich habe gelernt damit zu leben und es zu akzeptieren, dass ich nicht immer wie andere funktionieren kann. Aber das war ein langer und anstrengender Weg für mich. Mittlerweile bin ich 32 Jahre, verheiratet und habe zwei Söhne, die zwei und sechs Jahre alt sind. Und ja man kann eine gute Muttersein trotz Depressionen, denn es geht nicht darum die perfekte Mutter zu sein, sondern die Beste für meine Kinder. Ich gebe mein Bestes und das muss reichen. Deshalb möchte ich meinen Weg für alle Betroffenen und Angehörigen aufzeigen

Wie meine Depressionen begannen

Meine Depressionen begannen in einer anstrengenden Zeit. Ich begann mein Referendariat und war ständiger Beobachtung und Kritik ausgesetzt. Dazu kam, dass mein Sohn in seinem erstem Kindergartenjahr oft krank wurde. Mein Leben bestand also aus Unterrichtsvor- und nachbereitung, Arbeit an der Schule und den täglichen Aufgaben als Mutter. Für Schlaf blieb wenig Zeit. Außerdem konnte ich die Gedanken über meine Arbeit und die Schicksale der Kinder nicht abschalten. Oft dachte ich im Bett darüber nach, wie ich den Unterricht noch besser machen kann, wie ich diesem oder jenem Kind noch besser entsprechen könnte mit meiner Arbeit.

Mein Schicksalsschlag, der alles veränderte

Als mein Jüngster gerade anderthalb war, wurde ich ungeplant schwanger. Das überforderte mich noch mehr. Ich versuchte alles zu schaffen, doch das war zu viel für mich und meinen Körper. Ich verlor mein Baby in der 14. Schwangerschaftswoche und fiel in ein unendlich tiefes, schwarzes Loch. Ich hatte Glück im Unglück und wurde nach meiner Fehlgeburt von einer sehr guten Hebamme aus unserem Geburtshaus noch einige Wochen betreut. Ich war also nicht ganz allein und konnte über mein Unglück sprechen und erfuhr von sooo vielen Frauen, die ein ähnliches Schicksal teilten.

Ich habe mir Hilfe gesucht

Doch auch nach einigen Wochen und Monaten ging es mir nicht wirklich besser. Ich funktionierte nur noch, Kleinigkeiten überforderten mich. Ich war dauerhaft krank geschrieben, kümmerte mich um meinen Sohn und verbrachte viel Zeit in meinem Bett mit Grübeln, Selbstvorwürfen und einer tiefen Traurigkeit in mir. Meine Frauenärztin schrieb mir eine Überweisung zu einer guten Psychotherapeutin, bei der ich mich nach viel Überwindung auch meldete. Ich hatte wieder Glück, bekam zeitnah einen Termin und wir kamen von Anfang an gut miteinander aus. Nach ein paar Sitzungen diagnostizierte sie mir eine leichte bis mittelschwere Depression. Nun stand ich da mit meiner Diagnose und wusste nicht so richtig wohin damit.

Selbsttest zu Depressionen

Depressionen können durch viele verschiedene Dinge und Ereignisse ausgelöst werden. Oft spielen Stress, Überforderung am Arbeitsplatz oder in der Familie und Schicksalsschläge eine große Rolle.

Fühlst du dich oft schlecht, bist antriebslos, mutlos und hast Angst vor der Zukunft, kann es sein, dass du an einer depressiven Episode leidest. Auf der folgenden Webseite kannst du einen Selbsttest machen.

Wenn du bei dem Test sehr viele Punkte erreichen solltest, empfehle ich dir unbedingt Hilfe zu suchen, entweder zuerst beim Hausarzt oder gleich in einer psychologischen Praxis. Man muss sich nicht dafür schämen. Wir leben in einer Gesellschaft, die unglaublich viele Dinge von uns Frauen einfordert, die wir eigentlich gar nicht leisten können und auch nicht müssen. Meine Hauptprobleme waren Schlaflosigkeit, Antriebslosigkeit, Freudlosigkeit und meine tiefe Traurigkeit. Aber ich wusste, ich musste etwas unternehmen, nicht nur für mich, sondern vor allem für meinen Sohn. Es ist nach wie vor sehr wichtig für mich zu funktionieren.

Ich kämpfe

Ich habe nun mittlerweile zwei Söhne, für die ich die Verantwortung trage und die ich über alles liebe. Deshalb mache ich alles dafür, dass es mir gut geht, um eine gute Mutter zu sein. Alles andere ist für mich keine Option. Ich wollte es nie soweit kommen lassen, dass ich stationäre Hilfe in Anspruch nehmen muss. Weil ich genau weiß, dass es mir ohne meine Kinder noch schlechter gehen würde und weil ich mich dann nicht mehr um sie kümmern könnte. Ich will nicht, dass sie ohne mich sind. Sie brauchen mich und deshalb habe ich meinen Depressionen den Kampf angesagt. Ich darf mich nicht darin verlieren.

Und ich kämpfe weiter

Nun habe ich vier Jahre Verhaltenstherapie hinter mir, in der ich gelernt habe die Diagnose zu akzeptieren, sie anzunehmen und sie als nur einen Teil von mir zu betrachten, denn ich bin mehr als diese Diagnose. Ich nehme mir Zeit für mich selbst, gehe zum Yoga, schreibe mir meine Gedanken von der Seele und verwende viele kleine Techniken, um nicht wieder zu tief zufallen. Das hat mich viel Arbeit gekostet, viele Rückschläge und Gespräche, aber es hat sich gelohnt.

Ich kann heute sagen, dass es mir gut geht, auch wenn ich schwierige Tage durchlebe. Ich bin mir meiner selbst bewusst und kann nach Hilfe fragen, sie annehmen und zulassen. Mein Mann und gute Freundinnen unterstützen mich, weil ich mich getraut habe darüber zu reden, es nicht für mich behalte oder alles in mich reinfresse. Das waren früher meine Verhaltensweisen, die mir vor allem schadeten. Nur mit professioneller Hilfe und mit der Hilfe von leichten Antidepressiva lebe ich jetzt ohne die permanente Angst vor depressiven Episoden. Aber das ist nur mein Weg.

Muttersein trotz Depressionen. Trau Dich, darüber zu sprechen und such Dir HIlfe! Gastartikel von Chrissi - zweitöchter

Trau Dich!

Ich denke, jeder muss seinen eigenen Weg finden, mit dieser Krankheit umzugehen. Sich zu trauen darüber zu reden und sich Hilfe zu suchen, ist auf jeden Fall ein guter Anfang. Ich stelle mich gegen die Stigmatisierung dieser Krankheit, von der so viele betroffen sind. Es ist oft immer noch ein Tabuthema, genau wie Fehlgeburten oder Gewalt in der Familie und unter der Geburt.

Liebe Frauen, traut euch, Themen, die euch bewegen anzusprechen, traut euch tiefer in die Materie zu gehen. Nur so werdet ihr Mitstreiterinnen finden und euch gegenseitig unterstützen können. Seid solidarisch, offen und mitfühlend. Es wird zu euch zurückkommen, ich glaube ganz fest daran.

Alles Liebe euch, Chrissi

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Ich danke Dir für Deine Offenheit, liebe Chrissi und wünsche Dir für Dich und Deine Familie alles Liebe und Gute! 

Hast Du ähnliche Erfahrungen gemacht? Wie hast Du das Schweigen gebrochen? Bekommst Du Hilfe oder suchst Du noch nach einem Weg mit Depressionen umzugehen?

Vielleicht hilft Dir auch mein Slow Family-Ansatz.

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Comments

  1. Antworten

    Ein mutiger und mutmachender Artikel! Liebe Christi, ich wünsche dir weiterhin viel Kraft und das die dunklen Tage selten werden.

  2. Antworten

    Toll, dass Du darüber schreibst!

    • Anja
    • 7. Dezember 2018
    Antworten

    Wow, sehr mutig! Bewegender Text von Chrissi! Eine Krankheit zu haben, die so wenig beachtet wird, stelle ich mir sehr hart vor… ein bisschen kann ich es vielleicht nachvollziehen, da mich immer wieder unter Migräne leide… umso mutiger mit diesem Bericht an die Öffentlichkeit zu gehen und die Menschen darauf aufmerksam zu machen! Alles Liebe!

  3. Antworten

    Ich bin tief bewegt von diesem Text. Ich finde es furchtbar, dass diese Erkrankung weiterhin so wenig ernstgenommen und auch meistens erst spät als solche diagnostiziert wird.

    Es ist beeindruckend und fast schon großartig, dass die Autorin sich diese Hilfe noch rechtzeitig suchen konnte. Danke, dass du in deinem Blog Raum für solche sehr privaten Einblicke schenkst, Diana.

  4. Antworten

    Lange Jahre dachte ich, ich leide an Depressionen – erst als ich mir Hilfe holte – dazu musste ich ordentlich dolle zusammenbrechen – und am Ende kam mein wirkliches Krankheitsbild heraus. Ich finde es gut, dass ihr darauf aufmerksam macht, dass man HILFE braucht. Und am Ende war es wichtig, dass ich mir diese Hilfe selber suche. Meine Freundin war via Nachrichten dabei. Natürlich hätte sie alle Physiologen anrufen und sich eine Vertröstung und Absage nach der anderen holen können, aber es gehörte zum Heilungsprozess es selbst zu tun. Auch ich hatte Angst keine Gute Mutter sein zu können. Hab mich in diesem Gedanken irre verrannt – aber mit Hilfe kommt man da so weit das man mehr gute Phasen hat. Ich glaube ganz geht die Depression nie weg. In mir leben zwei Schwestern. Eine dunkle und eine helle – sie ist eine davon. Ein Teil von mir.

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