Besuch einer Freilerner-Gemeinschaft auf Bornholm, Dänemark

Besuch einer Freilernergemeinschaft auf Bornholm. Eliane vor ihrem Haus

Auf der Suche nach unserem „Dorf“, wo Kinder frei sein dürfen, wo man sich gegenseitig achtet und Kindern auf Augenhöhe begegnet, bin ich auf die Freilerner-Gemeinschaft Bornholms gestoßen. Über diesen Besuch berichte ich in diesem Artikel.

Wie ich von der Freilerner-Gemeinschaft auf Bornholm erfuhr

Es ist Dezember. Eine Leserin schreibt unter einen meiner schulkritischen Facebook-Posts, dass sie aus genau diesen Gründen nach Dänemark gezogen sei. Um genauer zu sein nach Bornholm. Ich war sofort interessiert ihre Geschichte zu hören. Kurze Zeit später telefonierten wir und eine Woche darauf war das Ferienhaus auf Bornholm für das kommende Frühjahr gebucht.

Was sind Freilerner überhaupt?

Wenn Du noch nie von dem Begriff Freilerner gehört hast, dann möchte ich Dich an dieser Stelle noch kurz abholen.

Freilerner sind Kinder, die nicht in die Schule gehen, aber auch nicht zu Hause unterrichtet werden. De facto sind auch kitafreie Kinder schon Freilerner. Diese Kinder bekommen keine konkreten Aufgaben vorgesetzt, sondern Angebote, wodurch ihr Interesse geweckt wird. Sie suchen sich dann selbst aus, welche Themen sie weiterverfolgen wollen.

Beispielsweise bauen sie gemeinsam ein Insektenhotel und erleben so, wie Insekten entstehen, leben und geschützt werden, statt dies in der Schule über ein Buch zu lernen. Es geht Freilernern vor allem um die Freiheit sich selbst zu bilden. Kinder wollen prinzipiell nur darauf eine Antwort bekommen, zu dem sie auch eine Frage gestellt haben, statt einen langen Vortrag zu einem Thema zu hören, das sie bisher nicht interessiert hat.

Freilerner lernen autodidaktisch lesen, schreiben und rechnen. Meist sogar früher und schneller, da sie in einer ungezwungenen Umgebung intrinsisch motiviert und aufnahmefähiger sind.

Die Reise beginnt

So landeten wir Ende April auf der schönen Insel Bornholm. Vorab bin ich sämtlichen Facebook-Gruppen beigetreten, die über die Insel, aber auch über die Gemeinschaft der Freilerner informiert. So waren wir schon ein wenig vorbereitet und konnten die zwei Wochen gut zur Erkundung nutzen.

Nach ein paar Tagen Touriprogramm tauchten wir ein ins Freilernerleben und nahmen an gemeinsamen Veranstaltungen teil.

Organisation der Freilerner-Gemeinschaft

Die Freilerner-Community Bornholms besteht aus etwa 20 Familien mit insgesamt bis zu 100 Personen. Sie sind über die ganze Insel verteilt. Sie leben in den kleinen Städten der Insel, auf dem Land oder in Ökodörfern im Wald. Der Vielfalt sind hier keine Grenzen gesetzt. In einem sind sie sich aber einig: Ihre Kinder gehen nicht zur Schule, wenn sie es nicht wollen.

Über ihre Facebook-Gruppe organisieren sich die zum größten Teil dänischen Familien. Hier werden Veranstaltungen angeboten oder Fragen gestellt. Es gibt wöchentliche oder monatliche, wiederkehrende Veranstaltungen wie die Feste der Jahreszeiten, wo auch die jeweiligen arbeitenden Partner und älteren Geschwister, die eventuell zur Schule gehen, zusammenkommen.

Manche Familien nehmen nur einmal im Monat an solchen Treffen teil, andere nutzen diese Möglichkeit mehrfach pro Woche. Keiner ist zu irgendetwas gezwungen. Man darf selbst Veranstaltungen organisieren, muss aber nicht.

Unsere gemeinsamen Treffen

So trafen wir das erste Mal an einem Teich im Norden der Insel auf die an diesem Tag etwa 8 Familien starke Gruppe. Über diese Begegnung habe ich hier bereits geschrieben: Auf der Suche nach Bullerbü

Im Einklang mit der Natur

Bei einem weiteren Treffen machten wir ein Picknick am Strand und die Kinder wateten lange durch 7 Grad kaltes Ostseewasser. Sie kamen mit warmen Füßen wieder raus. Wie machen die das nur? 🙂

Kulturelle und pädagogische Einrichtungen nutzen

Ein anderes Mal trafen wir uns mit anderen Freilernern im Naturkundemuseum NaturBornholm und lernten gemeinsam etwas über die verschiedenen Gesteine der Insel, wie es zu Vulkanausbrüchen kommt und woher man weiß, dass auf Bornholm einmal Dinosaurier lebten.

Wohnzimmer-Treffen

Beim wöchentlichen Treffen der Gruppe kamen etwa 8 Familien zu Eliane ins Wohnzimmer. Dort saßen wir zusammen, tauschten uns aus, neue Interessierte wurden empfangen und die Kinder konnten sich drinnen und draußen frei bewegen. Spontan organisierten zwei Mütter einen Kuchen und Kerzen und stimmten ein Geburtstagslied auf Dänisch und Englisch an. Unser großes Geburtstagskind war sehr gerührt und überwältigt.

Gründung der Freilerner-Gemeinschaft

Als Eliane vor 8 Jahren nach Bornholm kam, gab es diese Gemeinschaft noch nicht. In der Schwangerschaft mit ihrem Sohn wurde ihr klar, dass sie ihn in keine Kita geben möchte. Immer wieder verschob sie den Start. Mit einer anderen Mama traf sie sich regelmäßig und lud auch andere kitafreie Eltern in die Gruppe ein.

Nach weiteren 3 Jahren war ihr klar, dass sie ihren Sohn zu Hause unterrichten würde. Weitere Mütter und Väter interessierten sich für diese Idee oder lebten sie bereits. Aus dem ehemaligen Wunsch Torbjørn, Elianes Sohn, zu Hause zu unterrichten, verabschiedete sie sich jedoch und stattdessen entschied sich die Familie fürs Freilernen.

Mittlerweile ziehen jeden Monat neue Familien, Rückkehrer, Deutsche und Schweden nach Bornholm, um sich dieser Gemeinschaft anzuschließen.

Und was lernen die Kinder dann nun?

Torbjørn ist 7 Jahre alt und kann einfache Sätze lesen, viele Worte schreiben und addieren im 100er Bereich. Während wir zusammen saßen, malte er mit einer Schablone eigene Mandalas, Tiere und schrieb kurze Worte nach Gehör. Eliane hat ihn nicht dazu ermutigt. Er tat es einfach, weil er es wollte. Und wenn er eine Frage hatte oder Hilfe brauchte, dann wendete sich Eliane ihrem Sohn aufmerksam zu.

Oft werde ich gefragt, woher man weiß, ob und was Freilerner denn zu Hause lernen. Dazu kann ich nur entgegnen. „Woher weißt Du das in der Schule?“ Da wohl noch viel weniger. Denn ob mein Kind während des Schulunterrichts die ganze Zeit malt oder aus dem Fenster schaut, werde ich wohl nicht erfahren.

Fazit zur Freilerner-Gemeinschaft auf Bornholm

Für uns war die Freilerner-Gemeinschaft auf Bornholm eine tolle Möglichkeit in dieses Leben hineinzuschnuppern. Mir hat es gezeigt, dass Freilerner nicht allein sind und auch nicht sein sollten. Um zu lernen, brauchen die Kinder die Gemeinschaft, die Anregung durch andere Kinder, aber auch die Erwachsenen brauchen den Austausch. Eine solches Netzwerk bietet aber noch so viel mehr: sie bekommen in dieser Gruppe auch Rabatte bei Eintrittspreisen. Sie unterstützen sich bei Familienangelegenheiten, Sorgen oder der Haus- und Wohnungssuche.

Wir wurden sehr freundlich aufgenommen und werden sicherlich wiederkommen, ob als Freilerner „im Urlaub“ oder ganz.

Kennst Du auch so eine Gemeinschaft? Interessierst Du Dich dafür eine Freilerner-Gemeinschaft zu gründen oder Dich einer anzuschließen?

Hast Du Fragen zur Freilerner-Gemeinschaft?

Weiterlesen

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8 Gründe, warum Schule für mich als System versagt

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Tags: journal

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