„Weil ich ein Mädchen bin“ – Gedanken zur Geschlechterfrage

Familie mit Kind und schwangerer Mama
Photo: Alles beginnt mit dir Motherhood Photography

Gastartikel: Diese Gedanken stammen von Kristin. Vielen Dank für Deine Offenheit.

Mutter, Vater, Sohn, Tochter – das scheint die Standardfamilie schlechthin zu sein. Suggerieren einem zumindest alle – vom Lebensmittelhändler bis zum Reiseveranstalter. Ich wehre mich dagegen, da auch dazuzugehören. Wir sind doch nicht so! Wir sind nicht vorzeigbar, wir sind nicht Standard. Wir sind erst recht nicht organisiert und konsequent. Aber wir sind jetzt vier. Und auch noch in einem ausgeglichenen Zustand, was die Geschlechterfrage angeht.

„Hättest du gedacht, dass es ein Mädchen wird?“

Unsere Tochter ist nun 18 Monate alt und es vergeht noch immer kein Tag, an dem ich meinen Mann nicht frage: „Hättest du gedacht, dass es ein Mädchen wird?“

Bei Kind eins war ich mir relativ sicher, dass es ein Junge wird. Bei Kind zwei war der Überraschungseffekt relativ groß. In meiner zweiten Schwangerschaft hatte ich kein zuverlässiges Bauchgefühl, aber immerhin auch eine Tendenz zu Junge. Allerdings gab es in der Familie meines Mannes 13 Jungengeburten in Folge, über drei Generationen. Bevor wieder das erste Mädchen auftauchte. In Wahrscheinlichkeiten gedacht sprach einfach mehr für einen Jungen. Wir wurden eines Besseren belehrt. Und es traf uns völlig unerwartet.

Überraschungseffekt

Wir haben uns bei beiden Kindern überraschen lassen, weil uns das Geschlecht weniger wichtig ist als das Temperament des Kindes. Uns interessiert, welcher Mensch da zu uns kommt (und das kann keine Pränataldiagnostik der Welt leisten). Weil wir keinen Drang verspüren, rosa und hellblau zu shoppen. Weil wir in diesen Zeiten, in denen man vorab alles über ein ungeborenes Kind erfahren könnte, ein bisschen Spannung und Überraschung nicht schlecht finden. Weil wir uns auf den Menschen freuten, der zu uns kommen wollte – unabhängig vom Geschlecht. Aber was haben wir damit erreicht? Das Geschlecht war Thema Nr. 1 aller Konversationen, Stereotype wurden befeuert, Geschichten über eigene Töchter und Söhne zum Besten gegeben, meine Bauchform und Verfassung interpretiert, mir beide Geschlechter bei beiden Geburten mit großer Sicherheit vorausgesagt.

Kurzum: Die Geschlechterfrage hat alle Gespräche bestimmt und damit vielmehr Bedeutung bekommen als wir wollten und dachten. Das war nicht in unserem Sinne. Im Gegenteil.

Das ruhige Mädchen – ein Mythos

Aber der Zufall wollte es, dass an diesem milden Novembertag vor mehr als einem Jahr wirklich ein Mädchen unsere kleine Familie komplettierte und sich einen, ihren, Platz bei uns suchte. Unser damals knapp vierjähriger Sohn war und ist ein ziemlicher Wirbelwind, der eigentlich immer in Bewegung ist. Auch der Mund steht nicht still. Glaubt man allen Studien, Büchern etc. über Geschwisterforschung, war die Wahrscheinlichkeit hoch, dass ein ruhigeres, angepassteres Familienmitglied den Weg zu uns finden würde. Zumindest redete ich mir das ein.

Am Anfang sah auch alles danach aus. Die Kleine passte sich an und ein in unseren chaotischen Alltag, sie schlief tagsüber relativ gut (besser als ihr Bruder zumindest) und beobachtete alles um sich herum mit einer scheinbar besonnenen Gelassenheit. Mit zunehmender Mobilität scheint auch das Wissen um den Einfluss des eigenen Willens zu wachsen. Wir haben es mittlerweile mit einer sehr bestimmten jungen Dame zu tun, die weiß, was sie will und vor allem weiß, dies vehement und nachdrücklich einzufordern.

Immer öfter kommen mir die Worte meines Kollegen während meiner Schwangerschaft in den Kopf, die ich damals innerlich und äußerlich belächelt hatte: „Meist merkt man beim zweiten Kind erst, wie ruhig und unkompliziert das erste war.“ Das war ein Satz für andere, nicht für uns. Es geht nicht noch wilder, noch mobiler, noch lauter. Dachten wir.

Auch meine Frauenärztin hatte mich dahingehend bestärkt, mit ihrer Rollentheorie: Jeder suche sich in der Familie die Rolle, die noch frei sei. Klang alles logisch.

Heute weiß ich: Rollen ändern sich, Menschen ändern sich (zum Glück), Familien wachsen miteinander und aneinander und zusammen. Nur die Vorstellung eines ruhigen Mädchens gebe ich endgültig auf. Warum sollten Mädchen auch ruhiger sein?! So ein Quatsch!

Rosa, blau und Geschlechtertrennung

In der Kleiderfrage versuchen wir uns möglichst neutral aufzustellen. Mit den abgetragenen Klamotten vom Bruder haben wir eine gute Startposition, kriegen allerdings ausreichend rosa und pink von allen Seiten zugesteckt. Manchmal freue ich mich darüber, manchmal nervt es mich.

Unser Sohn weist mir und meiner Tochter oft gemeinsame Aktivitäten zu, meist sogar ruhigere (ist mir ja recht), während er sich explizit Zeit mit Papa wünscht und einplant. Die Mädels tun dies, die Jungs tun das. Würde er das bei einem Bruder auch so vorschlagen? Hätte ich dann mehr Zeit für mich alleine (girls only) und „die Jungs“ würden das Baby auf ihre Abenteuer mitnehmen? Auch verlockend.
Unser Großer überrascht seit Kurzem auch mit Ansätzen wie beispielsweise den Donut in pink für seine Schwester (Schokoüberzug für ihn selbst). Das lässt mich aufhorchen. Da müssen wir noch ansetzen.

„Die Umgebung schwirrt und klirrt davon“, sagt meine Schwiegermutter. Die Mädchen aus dem Kindergarten in Rüschenröckchen über rosa Leggins mit Glitzer und Herzchen. Ohne Dreck und Fleck. Die Jungs mit durchgewetzten, schmutzigen Jeans, in Blau versteht sich. Das Geschlecht wird über die Kleidung (und den Zustand dieser?) zugeordnet. Über die Haare. Über die Spielgeräte. Dann ist es nicht mehr weit bis zu zugeschriebenen Vorlieben und Fähigkeiten (Tipp: ein interessantes Experiment dazu). Den geschlechterspezifischen Erwartungen.

Familie mit Neugeborenem
Kristin mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern. Photo Credit: Alles beginnt mit dir Motherhood Photography

Unsere Tochter läuft gern mit Cremedöschen herum und versucht sich selbst einzuschmieren. Beobachtet sie das bei mir? Hat das ihr Bruder auch beobachtet, aber nicht für interessant genug befunden, es nachzuahmen? Oder ist sein Vater das Vorbild? Orientiert sich meine Tochter eher an mir? Weiß sie denn in diesem Alter schon, dass sie ein Mädchen ist und ich ebenso weiblich bin? Oder fällt mir diese Vorliebe einfach nur auf, weil ich Kosmetik und Körperhygiene als etwas Weibliches wahrnehme? Meine Tochter spielt ebenso leidenschaftlich gern mit Autos. Das nehme ich als nicht so vorrangig weiblich wahr. Tappe ich etwa selbst in die Geschlechterfalle?

Wie gehen Töchter?

Wie man mit Jungs umgeht und sie begleitet (ich vermeide absichtlich das Wort Erziehung, weil ich es nicht mag), darin fühlte ich mich nach vier Jahren Erfahrung mit meinem Sohn recht firm. Aber Mädchen? Keine Ahnung. Davor habe ich großen Respekt.

Nachdem ich den ersten „Schock“ überwunden hatte, setzte ich mich schon bald damit auseinander, was es denn nun heißt, ein Mädchen zu „erziehen“ (ich bin kein großer Fan von „Erziehung“, siehe oben, eher Beziehung, aber ihr wisst, was ich meine). Was macht man denn nun bei Mädchen anders? Macht man überhaupt was anders?

Die Werte, die wir an unsere Kinder weitergeben möchten, sollten doch die gleichen sein. Wir wollen eine wertschätzende Beziehung zueinander und untereinander, Toleranz und Offenheit gegenüber anderen Meinungen und Lebensmodellen, gegenüber anderen Menschen generell.

Ich träume von Geschwistern, die eine lebenslange Bindung entwickeln, sich respektvoll behandeln und „einander zugewandt“ sind, wie es ein Onkel so schön gesagt hat. Liebe und gemeinsame Unternehmungen sind ein willkommener Bonus. All das ist geschlechterunabhängig. Wie gut diese Beziehung werden kann, hängt sicher von vielem ab. Das Geschlecht ist nur ein Faktor, der sich begünstigend oder blockierend auswirken kann. Wie wir Eltern uns verhalten und moderieren ist vielleicht sogar weit wichtiger. Jeder kennt gelungene und komplizierte Geschwisterbeziehungen. In allen Geschlechterkombinationen, mit allen Altersunterschieden, da bin ich mir sicher. Daher mein Buchtipp: Geschwister als Team von Nicola Schmidt

Mutter, Vater, Sohn, Tochter

Messen sich Geschwister unterschiedlichen Geschlechts eigentlich weniger miteinander? Treten sie weniger in Konkurrenz? Ist bei Bruder und Schwester die Chance auf ein Miteinander größer als auf ein Gegeneinander? Ist am Ende mehr Familienharmonie drin? Wäre super.

Verhalten sich Mütter und Väter Töchtern gegenüber anders als Söhnen gegenüber? Sind sie strenger, milder, respektvoller, haben sie höhere Ansprüche oder lieben sie bedingungsloser? Sollten sie? Dürfen sie? Diese Fragen treiben mich noch immer um.

Ich ertappe mich ab und an dabei, mit meiner Tochter unnachgiebiger zu sein, ihr mehr zumuten (oder zutrauen?) zu wollen. Mehr von ihr zu erwarten? Das wäre schlecht.
Vielleicht hängt es aber auch damit zusammen, dass sie das zweite Kind ist. Dass die Nerven dann weniger werden und die Arbeit mehr. Dass der Vater gnädiger ist. Dass ich fürchte, das große Kind kommt zu kurz. Dass ich einen schlechten Tag habe. Dass Corona ist.

Oder – und hier wird es grundlegender – dass sie sich mehr durchsetzen kann und soll. Dass sie selbstbewusst wird. Dass sie ihren Weg sicher und zielgerichtet verfolgen soll. Dass sie sich nicht beirren lassen soll. Und hier kommt die Emanzipation ins Spiel. Und vor allem kommt die eigene Kindheit, die eigene „Erziehung“, das Verhältnis zur eigenen Mutter ins Spiel. Ganz besonders bei Müttern und Töchtern, wie ich finde.
Eine sehr lohnende Lektüre unter anderem dazu ist übrigens: Mutter.Sein von Susanne Mierau

Mädchenerziehung?

Wikipedia sagt zu Mädchenerziehung: „Die Mädchenerziehung ist eine Erziehung in Elternhaus und Schule, die den jeweils als verbindlich angenommenen entwicklungspsychologischen Eigenarten von Mädchen gezielt Rechnung tragen soll. Während die Mädchenerziehung in der westlichen Welt bis ins 20. Jahrhundert von traditionellen Geschlechterrollenerwartungen bestimmt war, steht im gesellschaftlichen Diskurs um eine für Mädchen angemessene Erziehung heute meist die weibliche Emanzipation im Vordergrund.“ Aha.

Man findet allerlei Literatur zur Erziehung von Mädchen, die zum Teil sehr inspirierend ist und gute Impulse bereithält. Meine Empfehlung an dieser Stelle: Liebe Ijeawele – Wie unsere Töchter selbstbestimmte Frauen werden von Chimamanda Ngozi Adichie

Ich habe außerdem selbst bestimmte Vorstellungen von Dingen, die ich meiner Tochter gern mit auf den Weg geben möchte. Ganz persönliche. Dinge, die mir wichtig sind, die mir in meinem Leben begegnet sind oder eben bedauerlicherweise nicht begegnet sind.

Was bleibt?

Etwas zu mögen oder nicht zu mögen, zu können oder nicht zu können sollte keine Frage des Geschlechts sein. Träume und Möglichkeiten dürfen nicht durch das Geschlecht beeinflusst oder gar limitiert sein. Beide Kinder sollen sich mit den gleichen Chancen konfrontiert sehen. Ohne Grenzen – weder in ihren eigenen Köpfen noch in den Köpfen anderer. Sie sollen sich gleichermaßen geliebt und akzeptiert fühlen. Dafür müssen wir die Grundlagen in der Familie schaffen.

Ob wir nun anders mit Sohn und Tochter umgehen oder nicht, hängt dabei vielleicht auch von unserer eigene Geschichte ab. Und steht auch nicht immer in unserer Macht. Wir sind keine Maschinen. Ein geborgenes und wertschätzendes Miteinander sollte aber über allem stehen.

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Wie siehst Du das? Hast Du Dir schon einmal Gedanken zum (unterschiedlichen) Umgang mit den Geschlechtern Deiner Kinder gemacht? Hattest Du andere Vorstellungen bevor Du Kinder hattest?

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