Mehr Vorfreude statt Vorsorge in der Schwangerschaft

Mehr Vorfreude statt Vorsorge in der Schwangerschaft - zweitöchter

Bei einer Schwangerschaft ist heute kaum noch eine Frau „guter Hoffnung“. Viel mehr begibt sie sich direkt in die Maschinerie der Vorsorgeuntersuchungen. Es gilt Fehler und Krankheiten bei Mutter und Kind zu finden. Die Vorfreude kommt zuletzt. Im Buch „Vorfreude statt Vorsorge“ von Sophie Mikosch habe ich viele gute Anhaltspunkte gefunden, wie Du Deine Schwangerschaft voller Freude und ohne Angst genießen kannst.

Meine Vorsorge in der Schwangerschaft

Der gewohnte Gang zur Frauenärztin

Jeweils kurz nach Ausbleiben meiner Periode hielt ich einen gut sichtbar positiven Schwangerschaftstest in meinen Händen. Sofort rief ich freudestrahlend meine Frauenärztin an und vereinbarte einen Termin zur Feststellung der Schwangerschaft für die 9. Schwangerschaftswoche.

Die kommenden Wochen verbrachte ich mit Übelkeit, dem typischen Unterleibsziehen und dem Spießrutenlauf, dass bis auf die engste Familie niemand merkt, dass ich schwanger bin. Daran mir sofort eine Hebamme zu suchen, dachte ich nie. Erst nachdem die Schwangerschaft von der Frauenärztin festgestellt und der Mutterpass ausgestellt war, kontaktierte ich eine Hebamme. Dies aber eher, weil ich wusste, wie schwierig es war, überhaupt eine Hebamme zu finden.

Der Zwist von Hebamme und Frauenärztin

Die Hebamme wollte mich in bestimmten Abständen sehen. Ich willigte ein und begab mich in den fortlaufenden Rhythmus aus 4-wöchentlichen Ultraschallterminen bei der Ärztin und Vorsorgeterminen bei der Hebamme. Alle 2 Wochen stand also so ein Termin an. Das würde man engmaschige Kontrollen nennen.

Erst als meine Ärztin darauf bestand, auch die Vorsorgeuntersuchungen durch eine ihrer Hebammen (Gewicht, Fundusstand, Urin etc.) durchzuführen, bekam ich ein Gefühl für die Spannungen zwischen Frauenarztpraxen und freien Hebammen. Ich beließ es aber dabei. Ehrlich, ich wollte niemandem auf den Schlips treten.

Zusatzleistung oder nicht?

Das Ersttrimester-Screening haben wir bei beiden Schwangerschaften weggelassen. Ich hatte mich zuvor über diesen Test informiert und mich so für mein Recht auf Nichtwissen entschieden. Trotzdem schaute meine Ärztin besonders genau auf die Nackenfalte, fast so als ob sie nun den Test ohne das Screening machen müsste. Alles war unauffällig, wie ich es auch erwartet hatte. Ich wurde mit 25 und mit 27 schwanger. Ich empfand mich nicht gerade als Risikoschwangere.

Unendliche Sekunden bei der Feindiagnostik

Trotzdem fühlte ich mich bis zur Feindiagnostik, die eigentlich keine Regelleistung ist, wie „schwanger auf Probe“. Erst als dieser Test in der 21. Schwangerschaftswoche unauffällig war, konnte ich mich entspannen und der Vorfreude auf unser Kind Raum geben. Die Feindiagnostik war für mich eher eine Untersuchung, bei der mir bewiesen werden musste, dass mein Kind gesund war und nicht andersherum. Die ersten Sekunden des Ultraschalls bis der Arzt das Herz begutachtet hat und alle Organe gefunden wurden, fühlten sich endlos an. Ich hielt beide Male den Atem an.

Praenatest als Kassenleistung

Seit der Bluttest auf Down-Syndrom Kassenleistung werden soll, wird noch mehr über notwendige Vorsorge in der Schwangerschaft diskutiert. So sollen Frauen mit einem erhöhten Risiko, ein Kind mit Trisomie 21 zu bekommen, den Praenatest bald ohne Zusatzkosten durchführen lassen können. Begründet wird der Vorstoß damit, dass so invasive Diagnostiken wie eine Fruchtwasseruntersuchung verringert werden sollen. Diese bergen nämlich die erhöhte Gefahr einer Fehlgeburt.

Kritiker des Praenatests als Kassenleistung wie die Lebenshilfe und die Caritas betonen, dass der Test unzuverlässig sei und „führe zudem dazu, dass ein Leben mit Down-Syndrom als nicht lebenswert eingestuft werde.“ Die Unzuverlässigkeit wiegt laut der ehemaligen Gesundheitsministerin Ulla Schmidt schwer: „Danach ist das positive Testergebnis bei bis zu 18 Prozent der Frauen falsch – sie erwarten gar kein Kind mit Down-Syndrom.“ Und das führt ebenfalls zu einer erhöhten Gefahr von „Fehlgeburten“ – in Form von einer Abtreibung. 9 von 10 Frauen mit der Diagnose Trisomie 21 treiben ab, schätzen Experten. Genaue Studien gäbe es dazu aber nicht.

Mehr Vorfreude statt Vorsorge in der Schwangerschaft - zweitöchter

„Vorfreude statt Vorsorge“: Das Buch

Die ärztliche oder hebammenbegleitete Vorsorge in der Schwangerschaft ist keine Pflicht. Sie muss nicht in Anspruch genommen werden. Das habe ich im Buch „Vorfreude statt Vorsorge“ von Sophie Mikosch gelernt und mir eigentlich nie so richtig vor Augen geführt. Wir können frei wählen, welche Untersuchung wir angemessen finden und welche nicht, auch, wenn das beim Arzt sicherlich nicht gut ankommen wird.

Wo ist das Vertrauen in den eigenen Körper?

„Nach innen zu spüren und zu lauschen, was der Körper uns sagen will, haben jedoch die meisten Frauen verlernt,“ schreibt Sophie.

Bei dieser Aussage fühle ich mich definitiv ertappt. In der 20. Schwangerschaftswoche hatte ich bei meinem zweiten Kind einen kleinen Autounfall. Mir ist eine Frau mit etwa 30 Stundenkilometern hinten drauf gefahren. Die Aufregung und die Angst um mein Kind haben mich schließlich noch am gleichen Tag zu meiner Frauenärztin geführt. Natürlich war alles ok mit dem Baby und es hätte bei diesem Unfall gar nichts passieren können, aber mich konnte nur ein Ultraschall und das gute Zureden der Ärztin beruhigen. Einen Zugang zu mir und meinem Körper hatte ich keinen (mehr).

Schnell verunsichert

Und dann sind da noch diese völlig verunsichernden Aussagen: „Ihr Kind hat einen zu großen Kopf.“ oder „Sie haben zu wenig Fruchtwasser.“, die mich jedes Mal aus der Bahn geworfen haben. Den Abend verbrachte ich meist nach Diagnosen im Internet suchend und beim nächsten Termin war schon wieder keine Rede mehr von der Kopfgröße oder dem Fruchtwasser. Die Ärzte tragen eine große Verantwortung an einer entspannten Schwangerschaft, sagt Sophie: „Eine einzige Messung oder ein einziger kritischer Kommentar vom Frauenarzt kann Ängste oder Sorgen hervorrufen, die die ganze Schwangerschaft über und bis zur Geburt hin nicht verschwinden.“

Mit dem Befund alleingelassen

Mal abgesehen von den vielen Auffälligkeiten und Krankheiten, die die moderne Ultraschalldiagnostik aufdecken will, stellt sich Schwangeren laut Sophie immer wieder die Frage, was Eltern mit den Befunden anstellen wollen: „Bei all den Berichten über Pränataldiagnostik, die ich gelesen habe, fand ich die Tatsache am schlimmsten, dass Eltern zwar immer wieder von ärztlicher Seite dazu gedrängt werden, die Untersuchungen machen zu lassen, jedoch mit den Ergebnissen dann weitgehend alleine gelassen werden. Obwohl sie gerade dann Unterstützung am dringendsten bräuchten.“

An dieser Stelle fand ich Sophie Hinweis gut, dass Schwangere und werdende Väter einen Rechtsanspruch auf Beratung in einer Schwangerschaftsberatungsstelle haben. Wenn beim Ungeborenen eine Auffälligkeit festgestellt wurde, können hier Fragen beantwortet oder weitere Unterstützung in die Wege geleitet werden.

Zurück zu mehr Vertrauen in uns selbst

Besonders beeindruckend an Sophies Buch finde ich, wie gut sie es schafft mit ihren Worten Mut zu machen für mehr Selbstbestimmung und Eigenverantwortlichkeit. Auch nach 2 Schwangerschaften und Geburten fühle ich mich noch nicht an diesem Punkt. Nach der Lektüre ihres Buches möchte ich nun aber noch mehr die gängige Praxis in Frage stellen, nicht nur bei der Vorsorge in der Schwangerschaft, sondern auch bei den U-Untersuchungen oder gut gemeinten Ratschlägen von Fremden. Ich fühle mich sehr gestärkt durch Sophies Worte.

Zuletzt habe ich durch den Fieberkrampf meiner kleinen Tochter viel Vertrauen in die normalen körperlichen Prozesse verloren und somit auch meinem eigenen Bauchgefühl. Nach dieser Belastungssituation habe ich angefangen jedes Fieber und jede Krankheit bei meiner 2-Jährigen als Gefahr einzustufen. Ich weiß also, wie es sich anfühlt, wenn die Angst häufig größer ist als das Vertrauen. Ärzte tragen daher eine große Verantwortung sich in Schwangere, aber auch Eltern einzufühlen und ihnen Mut zu geben, auf sich und ihre Kinder zu vertrauen. Auch etwas, dass ich bei „Wild World“von Julia Dibbern und Nicola Schmidt gelernt habe.

Kann sich eine Schwangere nur von einer Hebamme begleiten lassen?

Wie gesagt, ist die Vorsorge in der Schwangerschaft nur ein Angebot. Es muss kein einziger Ultraschall oder Urintest gemacht werden, wenn das die Schwangere nicht möchte. Sophie hat sich in beiden Schwangerschaften für ausschließliche Hebammenbegleitung entschieden und zählt 10 Punkte auf wieso. Unter anderem möchte eine Hebamme einer Schwangeren nichts verkaufen. Sie wird pauschal bezahlt und muss ihr keine weitere (unnötige) Diagnostik schmackhaft machen. Hier lohnt sich das Geschäft mit der Angst nicht.

Im Buch spricht Sophie immer wieder mit Müttern oder Expertinnen wie Hebammen oder Vereinen. Im Interview mit Hebamme Inge Gerbig erfährt die Leserin: „Eine selbstbewusste und gesunde Schwangere braucht keine medizinischen Interventionen. Welche Untersuchungen nötig sind, hängt von der Situation ab. Wenn ich Auffälligkeiten bemerke, die einer physiologischen Schwangerschaft nicht mehr entsprechen, werde ich ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen.“ Dies ist also ein Plädoyer für mehr Hebammenbegleitung und Vertrauen in die Arbeit dieser Profession.

Fazit zum Buch

Vorfreude statt Vorsorge in der Schwangerschaft

Alles in allem empfehle ich dieses Buch alle Schwangeren, die an der hochgelobten Pränataldiagnostik zweifeln, vor allem aber Erstgebärenden. Diese sollen von Anfang an lernen, sich nicht reinreden zu lassen, wenn ihnen ihr Bauchgefühl etwas anderes sagt. Die Verbindung von Mutter zu Kind lässt sich nicht messen, das heißt aber nicht, dass sie nicht vorhanden ist. Die Schwangere ist die Expertin für ihre Schwangerschaft. Sonst niemand.

Ob es besser ist, weniger Vorsorge in der Schwangerschaft zu machen oder gar keine, lässt Sophie offen. Sie gibt keine Empfehlung. Es geht ihr darum, dass sich Schwangere informierter mit den Angeboten auseinander setzen und anschließend eine fundierte Antwort geben können. Diesen Ansatz finde ich gut, denn es mag durchaus Mütter geben, denen das ganze Programm an Vorsorgeuntersuchungen wichtig ist und die nicht ohne sie schwanger sein möchten. Und das ist dann auch eine Entscheidung.

Danke liebe Sophie für diesen spannenden Einblick und ich wünsche mir, dass Dein Buch von vielen (werdenden) Müttern gelesen wird und wir zurückkommen zu einer selbstbestimmten Schwangerschaft voller guter Hoffnung von der ersten Schwangerschaftswoche an!

Nochmal zum Praenatest

Und auch zum Praenatest als Kassenleistung wünsche ich mir, dass Frauen umfangreicher beraten werden, bevor sie einen solchen Test machen lassen. Dafür sollte Budget bei den Krankenkassen und Zeit beim Arzt eingeplant werden. Auch bei Ärzten sollte ein Umdenken stattfinden: Trisomie 21 ist keine Krankheit, die es um jeden Preis zu verhindern gilt. Es ist eine Ausprägung des Menschen, die wie viele Ausprägungen wunderschöne Seiten haben kann und ihre Daseinsberechtigung hat.

Infos zum Buch

Autorin: Sophie Mikosch
Taschenbuch mit 192 Seiten

Hier kannst Du das Buch kaufen* oder direkt bei Sophie auf der Website.

Über die Autorin

Sophie ist Kulturwissenschaftlerin und Mutter von 2 Kindern. Sie bloggt auf Mütterimpulse über den achtsamen und umweltbewussten Alltag bedürfnisorientierter Familien und organisiert Treffen mit Gleichgesinnten.

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Tags: journal

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Comments

    • Barbara
    • 9. Mai 2019
    Antworten

    ich würde das Buch gerne einer guten Freundin schenken. Sie kann es im Moment auch sehr gut brauchen 😀

  1. Antworten

    Das Buch würde ich jeder Schwangeren empfehlen. Man macht sich ja viel zu viele Gedanken. Ich selbst hab während der Schwangerschaft einfach gespürt, dass alles in Ordnung ist. Mein Bauchgefühl hat funktioniert. Danke für den Tipp.
    LG Anke

    • Kristin
    • 22. April 2019
    Antworten

    Erstmal ein großes Kompliment mit für Deinen tollen Blog mit vielen interessanten Artikeln.

    Ich weiß seit zwei Wochen, dass ich mit unserem kleinen Wunder schwanger bin und freue mich riesig. Dennoch habe ich so viele Fragen und Ängste und die unzähligen verschiedenen Meinungen von Freunden, Familie, Ärzten oder Internet-Foren helfen können manchmal wirklich überfordern. Ich würde mich sehr freuen das Buch zu gewinnen, um mich an das wesentliche an der Schwangerschaft, die Vorfreude, zu erinnern.

    Liebe Grüße
    Kristin

    • Sarah-Maria Siebenhaar
    • 22. April 2019
    Antworten

    Ich würde das Buch gern lesen, weil es eigentlich eh schon meine Meinung ist. Das Bauchgefühl fehlt den Menschen. Ich bin jetzt in der 28.woche schwanger, eine Hebamme habe ich erst seit ca 3 Wochen (und das auch nur weil ich gern ambulant entbinden würde)… aber – zurück zum Buch – manchmal fehlen mir die Argumente, wenn andere sagen „man muss das doch machen“. Vielleicht hilft das Buch da ja🙂

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